Kultur ist mir im Wald

…ja bisher so gar nicht abgegangen… dachte ich. Bis ich nach Washington DC kam!

Aber erstmal musste ich Metro fahren, da der Shuttle vom Campingplatz schon voll war. Hm, und dabei wollte ich eigentlich jede weitere Gelegenheit, mich zu verfahren, vermeiden… So bin ich mit dem Auto ins Parkhaus – die Schranken waren offen – und ran an den Ticketautomaten. Hier ist es so, dass man – egal wo – immer erstmal Geld reinstecken muss, oder noch besser: die Kreditkarte durchziehen, ohne sich mit Pin oder Unterschrift zu identifizieren… Dubios! Da musste ich aus einer (auf ein Schild gedruckten) Liste die Zeit, das Ziel und den Preis raussuchen und entsprechenden Betrag mit + und – einstellen und schwups, kam das Ticket rausgeschossen. Wie auch immer das funktioniert, es funktionierte. Gut, wenn man sich dabei mal nicht mit den Zahlen vertut…

Um diese Erfahrung reicher spuckte mich die Metro im Zentrum der Stadt wieder aus und dann ging es los. Wow! Ich meine, ich wusste ja ungefähr, was mich erwartet, schließlich hatte ich den Reiseführer gewälzt und mir überlegt, was ich sehen wollte. Nun, ich hatte nicht erwartet, dass es sich so lohnen würde. Ich bin von Museum zu Museum, von Monument zu Skulptur zu Monument, immer über die große Wiese genannt National Mall. In das National Air & Space Museum bin ich einfach nur so reingelaufen, obwohl es mich nicht wirklich brennend interessiert hat, aber die meisten Museen sind kostenlos, und so bin ich in diesem speziellen Fall den Massen einfach mal hinterher gedackelt. Die Raumkapseln und Satelliten – in Originalgröße ausgestellt – hatte ich mir allesamt größer vorgestellt als sie wirklich sind! Es ist zwar sehr viel Sicherheitspersonal präsent, aber man muss nur einmal die Tasche öffnen oder durch einen Scanner schieben und kann sich dann kulturell austoben. So habe ich dann einiges an Meilen gemacht, unzählige Male den Inhalt meiner Tasche präsentiert und hätte noch ewig so weiter gucken können. Der Botanische Garten und das National Museum of Natural History haben mir besonders gefallen, obwohl dort gerade sehr viel umgebaut wird. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so viele tote Tiere gesehen habe. Von der Warte aus gesehen fast etwas gruselig, aber die Exponate waren alle so gut arrangiert und die ganze Ausstellung war mit viel Humor und Liebe zum Detail gemacht, dass diese Tatsache wohl den wenigsten ernsthaft bewusst war. Ärgerlich, dass meine Kamera – wie eigentlich seit drei Monaten – den ganzen Tag rumzickte. Aber ziemlich schnell habe ich beschlossen, es mir dadurch nicht verderben zu lassen. Und ein paar Bilder konnte ich ihr letztlich doch noch abschwatzen. ;-)

Um mal wieder etwas über’s Essen zu schreiben – und merkwürdigerweise funktionierte die Kamera dort einwandfrei – in Washington DC habe ich den ekligsten und fettesten Pulled Pork Burger (halb) gegessen, den ich je hatte. Genau genommen war ich nach dem ersten Bissen schon satt… Eigentlich ist das total lecker – wie auf den Traildays schon bewiesen wurde – aber dieser Burger schmeckte eher, als hätte jemand ne Bombe in einen brennenden Schweinestall geworfen, alles unter einer Fettplempe erstickt und die zusammen gekratzten Schleimklumpen auf labbrigem Weißweizengebäck verteilt… Schön war dann, der Suppe (anders kann man das Schwein nicht beschreiben) dabei zuzusehen, wie sie so langsam das ohnehin schon weiche Brötchen ähm… aufweichte… bzw. eigentlich hat der ‘Belag’ das Brötchen absorbiert… GULP!  :-O  Zum Glück gab’s noch Pommes dazu ;-)

Am nächsten Tag – ziemlich schnell war klar, dass ich nochmal wieder ins Getümmel musste – hab ich es schlauer angestellt und mittags die Seitenstraßen abgeklappert… Und da standen sie, all die Buden mit Essen aus aller Welt und davor die ganzen Anzug- und KostümchenträgerInnen gemischt mit Touries wie mir. In den Grünflächen und auf den Einfassungen vor den Bürogebäuden saßen die Leute und genossen die Sonne und ihr Lunch. Na, das sah doch schon viel besser aus :-) Ok, mein Burrito war nicht weltklasse und etwas anders als das Bild erwarten ließ, aber trotzdem gut. Außerdem war ich hungrig, nachdem ich den halben Tag durch die National Gallery of Art geschlendert war. Allein dort könnte man Tage verbringen! …wenn man wollte ;-) …und nicht ein Mietauto hätte, dass am nächsten Tag in Roanoke erwartet werden würde.

So riss ich mich los, in dem Wissen, dass ich mir eines schönen Tages auch den ganzen Rest noch angucken würde – mit der Metro zum Auto (wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat…) – mit der Kreditkarte die Schranke vom Parkhaus passiert (auch hier! verrückt) – auf zum nächsten Campingplatz, der für längere Zeit sicher der letzte mit Dusche und WC sein würde. Schon bereue ich, das Auto nicht für länger gebucht zu haben, aber das wäre sicher teuer geworden. Plötzlich wird die Zeit dann ganz schön knapp.

Als ich am angepeilten Campingplatz ankam – ohne mich verfahren zu haben und sogar noch im Hellen – dachte ich erst, da wäre vielleicht niemand… Es war so still und die paar Camper die dort standen, hatte ich zunächst gar nicht gesehen. Aber dann kam der Besitzer Phil um die Ecke und hieß mich sehr herzlich willkommen. Obwohl der Shop schon geschlossen war, checkte er mich ein und verkaufte mir noch eine 5-Minuten-Terrine und Feuerholz. Wirklich super nett! Hätte ich das geahnt, hätte ich meine Planung eventuell einen Tag vorverlegt, dann hätte ich noch einen Tag relaxen können, statt jetzt in Stress zu verfallen. Nun gut, das Auto musste gegen Elf am Flughafen sein, inklusive aller Toleranzen wollte ich also gegen halb neun am nächsten Morgen los. Leider konnte ich mich somit nicht mehr verabschieden, genauso wie ich Ken verpasste, einen Trailangel von dem Phil mir erzählt hatte. Ich hatte gehofft, Ken wäre ein Frühaufsteher, aber heute morgen war es noch recht ruhig um seinen Camper. :-( Total schade, ich hätte mich gerne mit ihm unterhalten.

Kurz kam mir der Gedanke, das Auto einfach zu kidnappen und so weiter zu machen, wie die letzten zwei Wochen, aber dafür hätte ich besser eine fremde Kreditkarte geklaut… Hmmm… Verdammt! Vielleicht kann ich das jetzt immer noch… ;-) Nein, aber ehrlich und pflichtbewusst wie ich bin (ich bin nicht stolz drauf!!!) lieferte ich das gute Stück natürlich überpünktlich am Flughafen ab, ohne bis dahin allerdings zu wissen, wie ich von dort zurück nach Daleville kommen sollte… Irgendwie hatte ich erwartet, dass es einen Bus gäbe…

Es gab keinen Bus. Taxi wollte ich gar nicht erst ausprobieren, ich bin ja nicht Krösus, und so fragte ich am Flughafen-Shuttle-Service um Rat. Pfff… nach Daleville? 41 Dollar! Meine Frage, ob es keine Hiker-Rate gäbe wurde nur belächelt. Ob wirklich kein Bus führe… erneut belächelt. Aber dann ging es los – in Daleville wäre doch gar kein Trail, meinten die Herren amüsiert. Doch na klar, der Appalachian Trail! Der eine holte schon die große Landkarte aus dem Schrank, während ich versuchte zu beweisen, dass ich Recht hatte und erklärte, wo genau der Trail zwischen Hotel und Supermarkt die Straße kreuzte… Ach so! Das ist doch nicht Daleville, meinte ein anderer. ;-) Das sind 20 Dollar! …und schon schnappte der dritte sich meinen Rucksack und marschierte zum Auto. Cool!

Ich will gar nicht abstreiten, dass ich mehr Glück als Verstand hatte. Das Hotel war eigentlich ausgebucht, aber dann fand sich doch noch ein Zimmer für eine Nacht. Aber die nächste Nacht müsste ich mir etwas anderes suchen… hieß es zunächst. Nun, heute Morgen fand sich dann doch noch eine Lücke und ich kann bleiben. Puh! Ich glaube nicht, dass hier alle unter dem gleichen Humor leiden und mich nur foppen wollen ;-) also halte ich es für Glück.

Gerade komme ich vom Frühstück zurück in mein Zimmer, da ist da schon wieder dieser Smell… Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie sich die Sonne die letzten zwei Wochen auf meinen gut genutzten Kofferraum ausgewirkt hat… So ein bisschen Hitze kitzelt wirklich die Aromen aus den verstecktesten Ecken hervor. Und ich hatte tatsächlich die meiste Zeit allerfeinstes Wetter! Natürlich habe ich bereits frühzeitig versucht, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Leider habe ich den Metallrahmen aus meinem Rucksack nicht entfernen können, sonst hätte ich ihn sehr gerne in die Waschmaschine gesteckt. Statt dessen habe ich ihn auseinander genommen, so gut es eben ging, die Einzelteile auf meinem Picknicktisch verteilt und sehr gewissenhaft mit 91 prozentigem Alkohol getränkt. Ich hab getupft, geschrubbt und wieder getränkt. In der Sonne ist das vor allem besser getrocknet als hätte ich Wasser und Seife genommen. Und Desinfektion fand ich außerdem den reizvolleren Weg. Komisch fand ich allerdings, dass der Mief hierbei gar nicht so groß war… Der Geruch im Kofferraum wurde aber nicht besser, im Gegenteil – die Hitze setzte auch der Parfumprobe aus dem Kosmetikshop zu, die in einer der Tüten noch rumflog, so dass es eine echt fiese Mischung ergab. Diese zu entsorgen war das einfachste, aber der Smell blieb. Echt peinlich. Ich malte mir schon aus, was die von der Autovermietung von mir denken würden… Wobei die sicher ein Duftspray der Duftnote ‘new car’ haben und dann ist die Sache gegessen. Hoffe ich… Nun also eben gerade wieder. Diese Wolke, die über meinen Sachen liegt… Das war doch vorher auch nicht so schlimm! Weil ich alles auf dem zweiten Bett schön ausgebreitet habe, um auszusortieren, hoffte ich die Keimzelle des fiesen Geruchs nun endlich besser lokalisieren zu können, und so bin ich mit der Nase noch mal durch jedes Kleidungsstück, und in jede Tüte… Und was soll ich Euch sagen… Es ist die 5-Dollar-Bast-Strandmatte, die ich in Virginia Beach erstanden hatte!!! Sie stinkt wirklich erbärmlich!!! Es ist eine Mischung aus Stroh, Heu, Chemikalien und noch etwas ganz fiesem. Dass mir das nicht früher aufgefallen ist!? Aber bei dem Wind am Strand und weil ich immer ein Handtuch drauf liegen hatte, war es nicht so eindeutig. Oh man! Wäre das also auch geklärt ;-)

Nun muss ich mir also überlegen, wie es weiter gehen soll. Hier regnet es zur Abwechslung mal ‘normal’ und mir fällt auf, dass meine Regenjacke eigentlich undicht ist. Bei der Hitze war es nicht so schlimm, aber die letzten Tage hat es sich deutlich abgekühlt. Außerdem müssen Sachen aussortiert und ein neues Paket gepackt werden, um den Rucksack wieder trailtauglich ‘leicht’ zu machen. Es gibt also einiges zu erledigen…

5 Gedanken zu „Kultur ist mir im Wald

  1. Maddin

    Weißt du eigentlich, dass die “große Wiese” extra vor 2 Jahren für dich neu angelegt wurde!!!
    Ich war da ja auch mal übern Teich und fragte die, was die hier machen, und da antworteten sie, in 2 Jahren kommt großer Besuch, und da wollen wir alles ordentlich in der Reih haben!
    Haste em Abe auch mal das Knie getätschelt? ;-)
    Aber jetzt wieder husch, husch, zurück aufn Trail! ;-)

  2. Andreas & Christiane

    Hört sich schwer nach dem KOA in der Nähe von Washington DC an. Hast du dich auch für den KOA Katalog entschieden?

    1. Tina Beitragsautor

      Ja, das war eine gute Idee! Da weiß man doch ungefähr, worauf man sich einlässt und geht unterwegs nicht verloren ;-)

  3. Daniel

    Thema Burger: Gab es außer »Pulled Pork« auch »Chicken exploded« auf der Karte? Wie auch immer: Klingt alles ziemlich urban (und anregend) für einen Outdoortrip. Weiterhin viel Spaß!

    1. Tina Beitragsautor

      Nein, aber einen ‘full meat hotdog’… Ich will gar nicht drüber nachdenken…

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