The american way of life

Ihr habt es vielleicht schon geahnt, ich konnte mich noch nicht so richtig losreißen. Nachdem es meinen Füßen nach meinem Urlaub zunächst deutlich besser zu gehen schien, ging das allmorgentliche Theater doch wieder los. Die täglichen ersten fünf Minuten ‘Gehen’ muten ganz sicher nicht sehr elegant an. Anyway, es wird immer besser, aber es ist nach wie vor nicht GUT. Die Diagnose erfahrener Hiker lautet Plantarfasziitis. Viele haben wochenlang damit zu tun, und einige wenige fahren einfach für sechs Wochen nach Hause und gehen erst danach wieder wandern. Die wohnen dann zumeist aber nicht so weit weg ;-)

Etwa 95% der Hiker wären an meiner Stelle allerdings schon wieder losgestiefelt, aber aus elendiger Erfahrung weiß ich, dass das bei mir nicht funktioniert (bei denen auf längere Sicht auch nicht, aber das ist ein anderes Thema). Bereits zu Beginn unserer Reise haben wir Hiker getroffen, die sich wegen Knieschmerzen unters Messer gelegt haben, um die Apparatur komplett filetieren zu lassen, nur um schnellstmöglich wieder ‘fit’ zu sein. Einige hiken in Flipflops, weil die verrenkten und mehrfach verstauchten Knöchel so geschwollen sind, dass sie in keinen Schuh mehr passen. Gerne genommen sind auch Kortisonspritzen in alle nur denkbaren Gelenke. Schmerztabletten werden eingeworfen, wie die tägliche Vitamindosis, und nicht zuletzt kann ein bisschen Gras – mehrmals täglich inhaliert – die Sache etwas weniger unangenehm gestalten. Das nennt sich dann Sicherheits-Meeting. Das ist aber nicht meine Vorstellung von Sabbatical…

Nur ist es nicht einfach, sich außerhalb des Trails zu Hause zu fühlen – speziell, wenn man dort wo man ist kein Zuhause hat. Auf dem Trail ist es leicht: das schlaue Buch sagt mir genau, wo das nächste Shelter, der nächste Berg, die nächste Straße, der nächste Ort ist. Die Angaben über Quellen und andere Wasserstellen sind zwar nicht so zuverlässig, aber auch das ist irgendwie zu bewältigen. Entlang des Trails sind die Leute an Hiker gewöhnt, wenn ich Hilfe, einen Shuttle oder sonst irgendwas brauche, findet sich immer jemand, den ich fragen kann. Und es gibt Hostels, was im Rest der USA nicht gerade verbreitet ist. Man trifft immer Leute ‘to hang out’ – alles zusammen genommen ist es eine Art Zuhause. Ohne all das wäre es viel schwieriger, als es ohnehin schon ist. Amerika ist kein Land, dass man mal so eben per Backpacking erkunden kann. Das öffentliche Verkehrsnetz ist zwar grundsätzlich existent, aber nicht sehr ausgeprägt. Alles ist aufs Autofahren ausgelegt. Nur Verrückte gehen zufuß.

Zum Glück bin ich noch nicht die letzte Northbounderin dieser Saison. Vor einigen Tagen traf ich Hendo und Hendo’s Mom wieder, die wir im Frühjahr auf dem Trail kennen gelernt haben und die ich später einige Male wieder getroffen habe. Hendo war schwer beschäftigt, ihren Blog wieder zu aktualisieren und Fotos hochzuladen, offenbar also auch für andere eine arbeitsreiche Nebenerscheinung des AT. Gerne wäre ich nach zwei Tagen mit den beiden wieder in die Wälder entschwunden, allein – es macht gerade einfach keinen Sinn. So kriege ich also nochmal eine volle Ladung ‘American way of life’ ab. Sehr interessant :-)

Amerika ist anders. Das fängt bei den ganz alltäglichen Dingen schon an. Das liebste Frühstück der Amerikaner besteht aus Bisciuts and Gravy – einem (oder mehreren) kuchenähnlichen süß-salzig-klebrig-gehaltvollen Brötchen, übergossen mit einer deftigen dicken weißen Soße, je durchgeweichter desto besser, brrrr… Dazu dann natürlich Hashbrowns – sowas ähnliches wie frittierte Kartoffelpuffer mit Ketchup – und gerne die erste Cola des Tages oder gesüßter Eistee mit vielen Eiswürfeln und der Tag kann beginnen. Bereits nach zwei Bissen hat man den Tagesbedarf an gesättigten Fettsäuren und Kohlenhydraten mehr als gedeckt und eine leichte Übelkeit überkommt den ungeübten Frühstücker. Ich habe es mehrfach erprobt und so meine Probleme mit dieser Art der Energiegewinnung. Aber ich hab mir sagen lassen, man gewöhnt sich daran und wenn man gut veranlagt ist, wird man auch nicht dick. Sicher. Ich arbeite noch daran. ;-)

Überhaupt war ich beeindruckt, wie unfassbar viele Fastfood-Ketten es hier gibt! Und noch eine Macke ist es hier, sowohl Fleisch als auch Gemüse dick zu panieren – wirklich dick! Und wenn es dann halbtot, crispy und noch tropfend aus der Fritteuse kommt, wird es in irgendeiner Soße ertränkt und die ganze herrliche Knusprigkeit ist dahin. Das nennt sich dann smothered. Die Amis lieben smothered things. Vielleicht weil man nicht so viel kauen muss (ich habe nie zuvor so viele Menschen mit schlechten Zähnen getroffen). Es könnte wirklich der Eindruck entstehen, es ginge nur darum, die Energiedichte der Mahlzeiten so hoch zu treiben, dass einem die Augäpfel aus den Höhlen quellen.

Das wiederum ist beim Autofahren nicht uneingeschränkt vorteilhaft. Auch Auto fahren ist hier natürlich anders. Was auf der Karte wie eine ganz normale Durchgangsstraße durch einen kleinen Ort aussieht, kann durchaus sechsspurig sein – in beide Richtungen wohl bemerkt – der Mittelstreifen ist dann optimalerweise so breit, dass man noch diverse Tankstellen, Fast-Food und Werkstätten darauf unterbringen kann. So hat man die einmalige Chance, einen Ort zweimal auf derselben Straße zu durchqueren und trotzdem ganz woanders lang gefahren zu sein. Und wer dort mal mit 90 km/h versucht hat, von links in den fließenden Verkehr einzufädeln, weiß was er geleistet hat. Aber man gewöhnt sich auch daran, die Amerikaner sind absolut die entspannteren Autofahrer. Die Straßen, die Parkplätze, die Autos… alles größer, höher, breiter, länger, relaxter…

Shampoo, Duschgel, Lotion… fast alles gibt es in Literflaschen. Milch gibt’s nur in Galons und niemals ohne Zusätze wie Vitamine und Calcium (???), Saft gibt’s entweder gar nicht oder in Zweiliterkartons. Wobei gesunde oder unverarbeitete Lebensmittel hier nicht der Verkaufsrenner zu sein scheinen.

ABER nicht alles ist hier größer als in good old Germany! Ok, and dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass jetzt kein Männerthema kommt. Verehrte Herren, überspringt doch bitte einfach den Rest dieses Absatzes! Tut euch einfach den Gefallen…   Da bin ich doch vor Kurzem zum Krogers reinmarschiert, um Frauensachen zu kaufen, diese kleinen weißen Dinger, die frau gelegentlich braucht… klare Sache, die Marke mit den zwei Buchstaben sieht hier genau so aus, wie zu Hause, das ist einfach – nur dass ‘normal’ hier ‘regular’ heißt – dachte ich. Also Schachtel geschnappt und ab nach Hause. Aber die Dinger sind winzig! Wirklich? Ganz ehrlich Ladys: Wollt ihr mir weismachen, Ihr kommt damit aus? Das ist als würde man seinen O-Saft aus einem Schnapsglas trinken wollen! Also wirklich. (Ok, ich gebe zu, DAS passt jetzt wiederum sehr gut ins Bild.) Ich will gar nicht wissen, wie klein die Minis dann sind! Die müssen in so einer Handtasche ziemlich leicht verloren gehen. Also Ladys, wenn es nicht nach Minze schmeckt, dann ist es kein TicTac!

Ich genieße meine Auszeit-Verlängerung sehr, es gibt nur leider nicht viel Spannendes zu berichten. Nun zum ersten Mal habe ich hier Freunde gefunden, die (bis auf eine Ausnahme) nichts mit dem Hiken zu tun haben. In einem Motel zu ‘wohnen’ kann also durchaus eine nette Angelegenheit sein. Viele leben hier für einige Tage oder Wochen, zum Beispiel, weil sie Jobmäßig vorübergehend hier gebraucht werden, oder auf der Suche nach einer neuen Wohnung sind – oder nur zum Spaß über’s Wochenende. Das ist wirklich eine großartige Mischung. So komme ich täglich in den Genuss netter Gesellschaft und außerdem öfter mal raus: zum Cornhole, Frisbee, Billard oder Minigolf spielen, in Bars, zum Dinner (beinahe sogar zu einer Beerdigung) oder einfach nur so unter Leute – irgendwie ganz andere Menschen als auf dem Trail – was wiederum Sinn macht. :-) Langeweile habe ich hier nicht besonders häufig. Und wenn, dann relaxe ich einfach mal – die Chance kommt so schnell nicht wieder. ;-)

5 Gedanken zu „The american way of life

  1. Daniel

    Den Teil mit den Tictacs am blauen Bändchen habe ich nicht durchgelesen! Großes Ehrenwort, höhö. Da fällt mir die Geschichte ein, wie ich mal für die Marktforschung einer amerikanischen Werbeagentur eine Sammlung sämtlicher Johnson&Johnson-Damenhygieneprodukte Deutschlands kaufen und nach New York schicken musste und das Paket im Zoll hängen blieb und ich den Sinn und Zweck der Sendung erklären musste, aber das ist eine andere Geschichte. Alles Gute für Deine Füße; mögen sie aufhören, Dich zu ärgern!

  2. Kathrin

    Hallo Bettina, melde mich zurück von einer zweiwöchige Auszeit an der Ostsee!
    Nachdem ich mich – dank deines Blogs – auf den neuesten Stand der Dinge gebracht habe
    (sehr interessant!) heißt es nun auspacken, Wäsche waschen und Co!
    Sonnige Grüße KaCaBeJu

    1. Tina Beitragsautor

      Schön von Euch zu hören! Das klingt ja fast wie bei mir, wenn ich aus dem Wald komme ;-)

  3. BruderHerz

    Hallo Schwesterherz!

    Anscheinend wissen die Amerikaner, dass das Frühstück die wichtigste (deftigste?) Mahlzeit des Tages ist… Ich werde morgen früh beim Bäcker mal fragen, ob die mein Schoko-Croissant nicht irgendwo drinne ertränken können ;-)

    Dass mit Deinen Füßen ist ja blöde – aber so lange Du Dir die Zeit (auch ohne Beerdigungen) vertrieben bekommst, ist doch alles im Lot :-)

    Ich wünsche Dir noch ein paar schöne relaxte und möglichst sonnige Tage!

    Lieber Gruß
    Dein BruderHerz

    1. Tina Beitragsautor

      Versuch’s mal mit Bratensoße! Ganz wichtig: gibt es instant ;-)

      Drück Dich!

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