Liebes Tagebuch

22.08.14

Liebes Tagebuch, heute hatte ich die Faxen sowas von dicke, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Vielleicht auch doch… Ich war so traurig, dass ich zum ersten Mal etwas sehr persönliches in ein Shelterbuch geschrieben habe. Mir war’s egal, die Leute die mich mögen, dürfen das gerne wissen, und was interessiert mich, was der Rest über mich denkt?! Bevor ich das aktuelle Shelter erreichte war ich einzig und allein damit beschäftigt, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich den Trail auf kürzestem Wege verlassen könnte. Bis ich hier ankam und zu meiner großen Überraschung schon jemand dort war.

Dean ist vermutlich der erste Southbounder der Saison und leidet auch gerade etwas unter dem Virginia Blues. Bloß dass er schon doppelt so viele Meilen gelaufen ist wie ich und absolut keine physikalischen Probleme hatte. Ein bisschen überrascht hat mich, dass ein Mann von geschätzt Mitte fünfzig nicht weiß, dass Mäuse problemlos an Holzbalken hochlaufen und somit auch in seinen Rucksack krabbeln können. Er dachte, ich will ihn verarschen! Naja, er wird es noch herausfinden ;-) Allein, es war nett, einmal wieder mit einem echten Hiker zu reden und gerade bin ich nicht mehr ganz so frustriert. Vielleicht lag es auch daran, dass ich mal wieder was zu lachen hatte. Was ein bisschen ekelig ist, ich glaube im Shelter sind – den Köteln nach zu urteilen (und wie Dean mir am nächsten Morgen bestätigte) – Ratten und ich bin sooo FROH, dass ich mein Zelt dabei habe! Auch wenn es um mich herum schon raschelt und trappelt… Brrrr!!! Da hilf nur, was fast immer hilft: Ohrstöpsel rein, Augen zu und durch!

24.08.14

Liebes Tagebuch, gestern habe ich vier super nette Wochenendhiker kennen gelernt. Herr Wagner (german name!) mit Tochter Amanda, der spanischen Austauschschülerin Danielle und Bruder James. Tagsüber sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen und so haben wir am Abend gemeinsam unsere Zelte aufgeschlagen. Das nächste Shelter war leider zu weit weg, dabei hätte ich viel dafür gegeben, nicht wieder in einen Thunderstorm zu geraten… Tja, heute Morgen musste ich mal wieder ein richtig matschig nasses Zelt einpacken. Bääähhh…!!! Ist ja auch lange genug gut gegangen. Obwohl die vier vor mir loszockelten, konnte ich sie wieder einholen und das größte war, dass sie mich in den nächsten Ort mitnehmen konnten, denn sie hatten ihr Auto an der nächsten Straße stehen! Jetzt bin ich in Glasgow VA in einem ‘Shelter’ mit Stockbetten, extrem heißer Outdoor-Dusche und fünf anderen ‘letzten Northboundern’. Alle halbe Stunde funktioniert sogar das Wifi des benachbarten Italienischen Restaurants.

Hiken war die letzten Tage beinahe großartig, ich glaube ich habe den Dreh endlich raus! Am besten funktioniert es, wenn ich mich voll aufs Gehen konzentriere, ähnlich wie bei Meditation, mich auf meine Füße, meine Knie, meinen Körper, AUF MICH konzentriere, den Kopf ausschalte. (Da muss ich auch nicht so viel nachdenken…) Viel einfacher, jetzt da die Füße nicht mehr schmerzen! Bergauf ist natürlich harte Arbeit – don’t smoke and hike! Aber alles andere ist ziemlich angenehm, beinahe entspannend. Fast denke ich, ich sollte aufhören, wenn es am schönsten ist ;-) Jetzt wo ich raus habe, wie es funktioniert, ist es nicht mehr so interessant, ich weiß ja, wie es geht.

Ähnlich erging es mir mit dem Bearbag hängen. Ich bin ziemlich gut darin, meistens (also in mehr als 90% der Fälle) erwische ich den angepeilten Ast beim ersten Schmiss. Und wenn nicht, dann versuche ich es wieder und wieder und wieder und wieder… Ich kann ziemlich stur sein, wenn ich will. Allein, es ist lästig! Ich mag es einfach nicht! Ich hasse es. Da ist es auch egal, wie gut es läuft, ich habe keine Lust darauf! Obwohl ich gelegentlich sogar Leute damit beeindruckt habe. Das war noch zu Zeiten, als ich mit Fourtyfour, Teasip und Javaman gehiket bin. Da standen eines schönen Abends fünf erwachsene Männer unter meinem Bearbag, schauten ehrfürchtig in den Himmel und fragten sich: ‘Wie hat sie den so hoch bekommen? Sie muss eine Pistole haben!’ Hahaha! Ich habe ziemlich gelacht, und ihnen gezeigt, wie es geht. Ziemlich einfach, ich habe es von Freckles und Dragon’fly gelernt, falls Ihr Euch an die Ladies noch erinnert. Nichts desto trotz – nochmal: Ich hasse es!

Ok, mit dem Hiken ist es nicht so schlimm ;-) aber ich schätze mal, da waren ähnliche Kräfte am wirken – so’ne Art Sturheit… Ich habe nur diesbezüglich viel länger gebraucht, um ein Erfolgserlebnis zu haben. Also selbst wenn ich es nicht bis Harpers Ferry schaffe, oder mir überlege, vorher den Trail zu verlassen – ich bin nicht mehr ganz so frustriert, denn ich habe ENDLICH den Dreh raus :-) So what!? Und letztendlich kann ich immer wieder kommen, der Trail wird in hundert Jahren auch noch hier sein.

25.08.14

Liebes Tagebuch, ist das zu fassen? Heute morgen bin ich nach einer weiteren heißen Dusche fröhlich wieder in Richtung Trail gelaufen und habe es mal wieder mit Hitchhiken versucht. Der dritte Autofahrer, der auf mich zu kam, winkte nur ab, ich winkte zurück – so nach dem Motto ‘macht nichts, ich steh hier erst seit drei Sekunden’ – er zögerte mehrfach und bremste im letzten Moment. Gaylan nimmt normalerweise keine ‘abgerissenen Gestalten’ mit (ich hab das mal frei übersetzt), aber für mich hat er offenbar eine Ausnahme gemacht. Er wohnt in der Gegend und wandert nur gelegentlich auf dem Berg, den er bewohnt. Da er sich so viel um seine Enkelkinder und Obdachlose und Freunde und Kirche kümmern muss, hat er kaum Zeit. Interessanter Typ. Unterwegs hat er mir noch die schönste Aussicht auf den James River gezeigt und mir erzählt, dass er ein wunderschönes Foto davon auf Facebook hochgeladen hat. Das macht hier echt jeder. Ich mag’s trotzdem immer noch nicht (Facebook).

Aber komme ich auf meine erste Frage zurück… Ist das zu fassen? Da bin ich heute wie verrückt gehiket und selbst der elends lange und teilweise steile Aufstieg auf den Bluff Mountain war kein großes Problem, da fängt doch – Hände hoch, wer es geahnt hat! – meine Hüfte an, rumzuzicken?! Gerade als ich darüber nachdenken wollte, heute ein paar Meilen mehr dran zu hängen… Oh nein, jetzt nicht bitte auch das noch! Zum ursprünglich geplanten Shelter waren es nur noch anderthalb Meilen, jetzt wird also eben gerastet. Pfff… mal wieder… Bisher konnte ich mir die Zeit ganz gut vertreiben, zum Beispiel mit den erfolglosen Versuchen, mit nassen Blättern und nassem Holz ein Feuer zu entfachen, oder via T-Mobile zu telefonieren. Ich bin einfach viel zu früh hier angekommen ;-) Na gut, morgen bin ich ja wieder in der Stadt, wenn ich nicht mit verrenkter Hüfte auf der Strecke bleibe und mitten auf dem Trail elendig verende… Ne quatsch ;-) Mal sehen, ob es was hilft.

26.08.14

Liebes Tagebuch, heute Morgen war die Hüfte schon wieder viel besser! Ich muss gestern sooo lange Schritte gemacht haben, dass ich mir den Spagatmuskel überanstrengt habe ;-) Ne aber im Ernst, ich bin etwas erleichtert. Bis zum Rastplatz waren es nur elf Meilen, und so kam ich bereits am Nachmittag dort an. Aber keine Chance, zufuß nach Buena Vista VA zu laufen, denn das wären weitere zehn Meilen gewesen. Also wieder Daumen raus… Diesmal gar nicht so einfach, obwohl ich extra im Creek noch eine Katzenwäsche gemacht habe (was hier übrigens Spongebath -Schwammbad – heißt). Irgendwann – so nach zehn Minuten, was für mich schon ewig ist – hielt ein Auto: Vater und Sohn auf dem Weg zum College, der Kofferraum und die Rückbank bis unters Dach voll mit Zeug. Sie wirkten beide etwas ratlos, denn sie wollten mir gerne helfen, wussten aber nicht wie. Also bekam ich erstmal ein Soda (Cheerwine, eine Kirschbrause aus North Carolina!) und wir quatschten, während ich weiter bei jedem vorbeifahrenden Auto den Daumen rausstreckte. Dann die zündende Idee… Der Sohn wurde kurzerhand auf dem Parkplatz stehen gelassen und der Vater kutschierte mich ins Motel (das Hostel hatten sie inzwischen geschlossen, wie ich auf dem Trail erfahren habe), um dann zurück zu düsen, das Kind wieder einzusammeln und die Fahrt fortzusetzen. Wie cool ist das denn bitte!?!

All die wichtigen Dinge wie Dusche, Laundry und Dinner sind erledigt und somit liegt eine gruselarme Nacht vor mir. Auf dem Trail gehen ein paar seltsame Dinge vor sich. In einigen Sheltern haben Leute sich ein paar Scherze erlaubt, zum Beispiel flüstert eine Stimme plötzlich ‘CAN YOU HEAR ME?’ – das hat einen gestandenen Hiker schon in Sekundenschnelle aus dem dritten Stock auf dem Waldboden zurück gebracht. Danach hörte man noch weitere Stimmen und Kinderlachen. Ich bin froh, dass ich es, zu dem Zeitpunkt als ich dort Mittagspause machte, weder wusste, noch wirklich hören konnte. Einige Kerls erzählten mir später davon, und wie sie stundenlang das Shelter nach einem kleinen Lautsprecher oder ähnlichem abgesucht haben. Die Stimme wiederholte sich alle vier Minuten, zu finden war allerdings nichts.

In dem Shelter, das ich nun letzte Nacht für mich allein hatte, sollte es angeblich spuken, wie ich kurz vor dem Schlafengehen im Shelterbuch lesen musste… Ich habe mich schnell dazu entschlossen, keine weiteren Details herausfinden zu wollen und den merkwürdigen Sound der Umgebung zuerst mit Musik und dann mit Ohrstöpseln ausgeblendet. Es klang, als würde jemand durchs Gebüsch laufen und auf Töpfe und Holz schlagen… Hendo und Hendo’s Mom hatten glücklicherweise etwas über Bullfrogs und Eulen geschrieben, so dass ich glaube, es waren keine Geister am Werke. Jedenfalls haben sie mich soweit verschont.

5 Gedanken zu „Liebes Tagebuch

  1. Maddin

    Nanana, Rallyeschwester,
    das hat sich ja zwischendrin mal gar nicht gut gelesen!
    Aber jetzt scheinst du ja wieder mehr motiviert und besser gelaunt zu sein! So ists recht!
    Musst dir halt immer wieder mal vor Augen halten, was zu hier daheim hättest: nervige Kollegen, mieses Wetter und kaum Abwechslung, keine (echten) Burger…
    Gruß und viel Erfolg und Spaß in den letzten verbleibenden Wochen, Martin

    1. Tina Beitragsautor

      Also miese Stimmung gehört doch hier und da auch mal dazu, wird doch sonst langweilig… (vielleicht auch nicht?!) Umso größer der Genuss bei guter Laune! Die letzten Meilen waren großartig! :-)

  2. Kirsten

    Chapeau, liebe Bettina,
    spätestens an der Stelle, an der die Ratten ins Spiel kamen, wäre Schluss gewesen für mich. Oder ich wäre zum Eichhörnchen oder Graureiher mutiert und hätte mein Nachtlager im Baum aufgeschlagen.
    Im Oktober wirst du junge Singdrossel hoffentlich wieder gemeinsam mit uns die Stimmbänder schwingen. Komm’ gut durch die letzten Wochen!
    Allein die vielen wunderbaren Begegnungen und Wendungen die du beschreibst, sind hoffentlich die Mühen und Qualen wert – The road to hell is paved with good intentions;-)
    Mach’s gut!
    Kirsten

    1. Tina Beitragsautor

      I made it! Und es war jede Quälerei wert! So schlimm war es gar nicht ;-)
      Bis ganz bald
      Bettina

  3. Daniel

    Hmmm, Spuk im Shelter … Vielleicht war es Hui Buh, der sein Schloss aus finanziellen Grunden gegen diese karge Hütte eintausche musste. Hab keine Angst, der will nur spielen.

Kommentare sind geschlossen.