Zu Hause wäre mir

…das nicht passiert: ich habe einen Feiertag vergessen! Hier ist am Montag Laborday und somit sind die Postämter geschlossen. Da habe ich mich extra beeilt, und dann sowas! Gestern Abend habe ich es nach Waynesboro VA geschafft. Hier liegt nun also mein Paket mit frischer Wäsche, Ersatzkram, Ladegeräten und Essen… bei der Post, so nah und doch so fern ;-) Zum Glück ist fast alles andere an Sonn- und Feiertagen offen, so sitze ich jetzt im Laundry Land und warte auf duftig frische Klamotten. Für 25ct kann man hier sein Gewicht checken… und bekommt noch gleich die Lottozahlen und eine Art Tageshoroskop – that’s interesting! Obwohl ich die letzten Tage keinen Hunger hatte, ist mein Gewicht unverändert wie am ersten Tag! Das soll mir erstmal einer nachmachen, man könnte denken, ich wäre unterfordert.

Nervlich waren die letzten Meilen aber ganz schön anspruchsvoll: ich wollte nur noch duschen!!! Jetzt also mindestens zwei Tage Zwangspause… Da ich, seit ich wieder auf dem Trail bin, noch keinen Zero hatte, ist das durchaus zu vertreten. Waynesboro hat eine schöne kleine Altstadt mit netten Läden und das Motel verfügt über einen Pool, es hätte mich also wieder einmal schlimmer treffen können.

Die letzten Tage liefen, was das Hiken angeht, ziemlich gut. Was allerdings neu ist, tagsüber ist es phasenweise totenstill. Man hört nichts außer den eigenen Puls in den Ohren rauschen. Fast gespenstisch wirkt es dann. Bis ganz plötzlich über einem etwas raschelt und mit zunehmender Geschwindigkeit auf den Boden – oder wie in einem Fall auf meinen Kopf – zurast. Die Bäume beginnen, alles von sich zu werfen, und damit meine ich nicht nur Blätter… Nachts wird es dann so nach und nach immer lauter. Jedes Tier, das irgendwelche Geräusche von sich geben kann, tut das auch, und zwar laut und ausdauernd. Die Grillen und Zikaden – es gibt sie in allen Größen und Formen – ziehen dann richtig vom Leder. Wer da keine Ohrstöpsel hat, ist aufgeschmissen.

Zweimal war ich zwei Tage lang völlig allein auf dem Trail, jetzt kommen mir immer mehr Southbounder entgegen und in dieser Gegend gibt es auch wieder mehr Dayhiker. Und Hunde. Vorgestern hatte ich das große Vergnügen, mal wieder einem Antennen-Hund zu begegnen… Ich habe ihn einfach angeschrien, und er zog seines Weges. Schwein gehabt! Von Herrchen natürlich keine Spur. Und wie ich da so sitze, und eine der letzten schönen Aussichten genieße, kracht und knackt es plötzlich hinter mir im Gehölz – ich dachte schon, jetzt bekomme ich doch noch mein Bärenfoto – da ist er wieder, der blöde Köter und will mir mein Lunch streitig machen. Ich meine ok, er hatte es sicher nötiger als ich, aber ICH WILL KEINEN VERWAHRLOSTEN HUND! Wo ist der (das) Besitzer(arschloch)??? Gut, nun hatte ich ihn erstmal an der Backe. Die Hiker, die mir kurze Zeit später entgegen kamen, klärten mich darüber auf, dass es sich um einen Bärenhund handele und dass ein Trainer in der Nähe sein müsste… Helfen wollten sie mir allerdings nicht. Danke dafür. Am nächsten Shelter konnte ich ihn dann zum Glück abhängen, denn unerwartet kamen mir haufenweise Hiker entgegen und vielleicht war irgendjemand so doof, ihn zu füttern.

Die wiedergewonnene Freiheit genießend machte ich mich an den Aufstieg auf den letzten Berg für diesen Tag, wo es eine Campsite mit View geben sollte. Halb oben… kommen mir doch schwanzwedelnd ZWEI weitere Hunde entgegen – und ratet mal… JA wieder mit Senderhalsband, JA wieder ohne Trainer. Die beiden allerdings müssen das miese Carma erspürt haben, das mich urplötzlich zu umgeben schien, unvermittelt zogen sie die Schwänze ein und nach minutenlangem Zögern entschieden sie, sich ins Gebüsch zu verabschieden. Dabei hatte ich noch gar nichts gesagt ;-) Puh! Der Rest des Abends verlief erfreulich ereignislos. Nachdem Zelt und Bearbag präpariert waren, hockte ich mich auf die Felsen, machte ein bisschen Yoga und sah der Sonne beim Untergang zu. :-) Na also! Geht doch!

Der folgende Morgen war neblig und kühl, aber ich konnte nur an eines denken: duschen! Am Parkplatz angekommen – ich hab ganz schön Tempo gemacht und war entsprechend erledigt – schmiss ich erstmal alles von mir. Es dauerte nicht lange, bis mir jemand einen Shuttle in die Stadt anbot und so konnte ich mir schon bald die stinkigen Klamotten von Körper schälen. Seufz! Ach ja, und auch schön, nach so langer Zeit mal wieder in den Spiegel zu gucken. Ich habe mir bei meinem jüngsten Sturz – eine viertel Pirouette kombiniert mit einem viertel Backflipp – ein paar dekorative blaue Flecken zugelegt, die jetzt ihre volle Farbenpracht entfalten. Aber alles halb so wild, Hauptsache sauber!

Das Motel meiner Wahl verfügt sogar über einen funktionierenden Computer, so dass ich bei Gelegenheit ein paar Bilder hochladen werde. Leider nicht uneingeschränkt alle, denn es gibt ein paar Leute, die ich jetzt dummerweise nicht mehr fragen kann, ob sie damit einverstanden sind. Aber extra für Dich, liebe Silli ein bisschen Sonne :-) Die Bilder sind natürlich völlig uneigennützig entstanden ;-)

5 Gedanken zu „Zu Hause wäre mir

  1. Hanna

    Hey Bettina,
    du schreibst ja jetzt schon seit Wochen nichts mehr, ist alles gut bei dir? Müssen wir uns Sorgen machen?
    Naja, vielleicht willst du uns die Abenteuer deiner letzten Wochen auf dem Trail ja auch einfach nur persönlich erzählen, wenn du wieder hier bist. Wir freuen uns auf dich!
    Bis bald
    Hanna

    1. Tina Beitragsautor

      Da bin ich EINMAL im Rückstand… ;-) Die letzten zwei Wochen waren großartig, keine großen Geheimnisse, nur sehr wenig Wifi im Wald.
      Bis ganz bald, ich freue mich auf Euch alle!

  2. Silli

    Oh klasse!! Du bist ein schatz!! Drück dich ganz ganz doll!! Und geb alles auf den letzten metern!! ;-) …und sei nett zu den armen hunden!! :-) <3

    1. Tina Beitragsautor

      Ich hab gar nicht wirklich was gegen die Hunde… solange sie mir fern bleiben ;-) Ich habe nur den Besitzern gegenüber manchmal ziemlich intensive Gewaltphantasien…

  3. Daniel

    Besser, Du kämpfst gegen den inneren Schweine- als gegen den verwahrlosten Bärenhund. Aber vielleicht sind die Antennenhunde ja auch vom Ami-Geheimdienst und sollen ausländische Hiker ausspionieren, man weiß es nicht. Sag bloß nichts Falsches! Ach ja … Und wie waren denn Deine Haltungsnoten bei der gewagten Pirouetten/Backflip-Kombination? Hast Du als Kür auch den Doppel-Axel gebracht?

    Und jetzt mal ganz im Ernst: Du hast wieder super-schöne Bilder eingestellt. Da kann man den Trip richtig schön mitmachen, quasi als gedanklichen Mini-Urlaub. Vielen Dank, alles Gute noch und bis bald beim Singen.

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