Wer den Trail

…von seiner besten Seite kennen lernen möchte, der sollte unbedingt im Shenandoah National Park anfangen! Genau so habe ich mir das vorgestellt.

Das ging schon gut los mit meinem ersten Tag Slackpacking, ich bin zur Abwechslung mal wieder rückwärts gelaufen und habe für einen Tag mein Gelumpe im Hotelzimmer gelassen. Tagsüber allerfeinstes Hikerwetter und kaum Leute auf dem Trail. Unterwegs traf ich auf Josh – einen weiterern letzten Northbounder – es gibt also noch mehr von der Sorte! Er macht zwar durchschnittlich mehr Meilen als ich, aber für den nächsten Tag hatten wir den gleichen Campingplatz im Visier und so verabredeten wir uns. Gut zu wissen, dass ich nicht schon wieder alleine zelten musste.

Zurück auf dem Parkplatz nahe Waynesboro VA überlegte ich noch, ob ich einen Trailangel anrufen sollte, oder einfach warten, ob mich jemand mitnimmt… als ich ein Rangerauto entdeckte. Das nahm ich doch direkt zum Anlass, mal ans Fenster zu klopfen und diese Hundegeschichte einmal zu erörtern. Der Ranger war supernett, konnte aber auch nichts tun, außer mir zu erklären, dass ich in Shenandoah vermutlich keine Bärenhunde antreffen würde, da das Jagen dort verboten ist. Diese Hunde sind oft tagelang – manchmal Wochen – alleine da draußen um Bären aufzuspüren, erklärte er mir – und wer hätte es gedacht: sie lieben die Gesellschaft von Hikern, da könne man nichts machen. Ich bedankte mich also artig, um mich langsam mal um einen Shuttle zu bemühen, und überquerte die Straße – nicht ohne zuerst noch eine zu rauchen ;-) Es kam aber so schnell kein Auto in meiner Fahrtrichtung vorbei und es dauerte nur eine halbe Zigarettenlänge, bis der Ranger sich überlegt hatte, er müsse sowieso in die Stadt und könne mich mitnehmen. Mir war ja gar nicht bewusst, wie schwer die Jungs teilweise bewaffnet sind, er hatte sogar eine schusssichere Weste an! Und wow, als Frau auf dem Trail ist es wirklich sowas von einfach, eine Mitfahrgelegenheiten zu bekommen, es ist echt unglaublich!

Am nächsten Tag ging es dann wieder mit vollem Gepäck ins Gehölz und ich war guter Dinge, BIS ich in der Mittagspause die erste Zecke auf meinem Arm entdeckte… und die zweite, dritte, vierte… Es hatte sich noch keine festgebissen, aber ich war am rotieren, die Viecher abzusammeln und zu zerquetschen wie eine Irre. Die Hosenbeine krabbelten sie hoch, sie waren überall! Ich habe bestimmt eine geschlagene Stunde damit zugebracht, sie zu jagen und zu eliminieren, bis ich die Quelle dieser millimeterkleinen, hautfarbenen Biester ausmachen konnte: meine Socken! Da hatte ich mir wohl im nassen, kniehohen Gras so richtig die volle Ladung abgesammelt. Und wenn ich hier vor irgendwelchen Tieren ernsthaft Angst habe, dann vor Zecken! Die erste Maßnahme war Socken ausziehen und in einem Ziplock-Beutel luftdicht verpacken, Beine und Füße mit Deet einsprühen, frische Socken an und Zähne zusammen beißen bis zum nächsten Campground… Und ich hatte schon wieder unglaubliches Glück. Als ich beim Registrieren einen der Ranger fragte, ob es im Campstore wohl Permethrin zu kaufen gäbe, überließ er mir kurzerhand seine Dose dieses überaus ungesunden aber sehr effektiven ‘Insectrepellents’ zur vorübergehenden Nutzung. Er wollte später vorbei kommen und den Rest abholen, nachdem ich Socken, Schuhe, Gamaschen und Hosenbeine damit behandelt hätte. Wirklich großartig! Und scheinbar hat es keine Zecke geschafft, sich in meine Haut zu bohren, obwohl es wirklich hunderte waren! Vermutlich trage ich noch tausende Leichen in meinen Socken spazieren…

Josh kam sehr spät an dem Abend und wäre im Dunkeln auf dem riesen Campground fast verloren gegangen. Da der Weg zur Laundry und Dusche ewig weit war und ich ihn schon einmal gelaufen war, hatte er mir angeboten, meine Wäsche mit zu waschen, hatte allerdings seine Stirnleuchte vergessen. Aber irgendwie überlebte er, und so saßen wir bis weit nach Hikers Midnight am Feuer und philosophierten über die Gründe, die uns hier raus gebracht haben. Leider ist er ohne Zelt unterwegs – weswegen er normalerweise von Shelter zu Shelter läuft – diesmal versuchte er es mit Cowboy-camping und wurde so richtig, richtig nass. Er endete schließlich wie ein Obdachloser im Waschraum, wo ihn – nachdem er sein Zeug im Trockner einigermaßen wieder in den Urzustand versetzt hatte – eine irritierte Frühaufsteherin morgens um fünf auf den Waschmaschinen schlafend vorfand und in ein längeres Gespräch verwickelte. Nur diesem Schlafmangel ist es zu verdanken, dass er nicht schon hundert Meilen voraus ist, und das ist gut so, denn er ist ein wahrer Bärenmagnet! Ich habe endlich mal ein paar Bilder schießen können, und ich bin ganz hingerissen und fasziniert von diesen Tieren! Die letzten drei Tage waren sie wirklich in der Nähe jedes Shelters!

Zwei Abende lang dachte ich zunächst, ich müsste alleine im Shelter schlafen, bis kurz vor knapp doch noch ein oder zwei Hiker kamen. Da fühlte ich mich schon ein wenig sicherer. Nicht dass ich ernsthaft Angst gehabt hätte,  aber in letzter Zeit war es teilweise schon sehr einsam nachts im Wald. Besonders beim ersten Bären morgens um sechs im Dunkeln direkt vor dem Shelter war ich total aufgeregt. Er schnüffelte ein wenig herum und trollte sich schließlich. Aber man gewöhnt sich ja so schnell an so vieles… Das letzte Shelter im Shenandoah war bei meiner Ankunft schon fast voll, und wer saß da schön in der Mitte zwischen drei Southboundern? Josh, der eigentlich schon wieder weit voraus sein wollte. Die vier hatten sich schön einen Zero gegönnt, weil sie nicht im Regen hiken wollten, und den ganzen Tag Karten gespielt und gegessen. Neid! Und offenbar hatten sie auch schon einen Bären gesichtet, und scheinbar wohnte er direkt in der Nachbarschaft, denn er kam gelegentlich vorbei, um nach dem Rechten zu gucken. Wie cool ist das denn bitte??? Heute morgen habe ich das ultimative Bärenfoto geschossen! In der Nähe war auch noch ein kleiner, aber der hat sich schön bedeckt gehalten und im Gras versteckt. Auf dem Weg zurück auf den Trail, hat Josh dann aber noch einen dicken Brummer oben in den Bäumen entdeckt, und alle fünf haben wir unsere Kameras gezückt und wie blöde Fotos geschossen. Der Bär hat sich sicher seinen Teil gedacht…

Auch sonst ist das Hiken – mal ganz abgesehen von dem Ausrutscher, den das Wetter sich hier gerade leistet – großartig! Die Berge sind nicht gar so hoch und es gibt endlich mal Strecken, die für mehr als nur fünf Meter eben und soft sind. Ich kann einfach so vor mich hinspazieren und das ist die absolute Entschädigung für all die buckligen Geröllhaufen, die ich hier schon erklimmen musste. Und dabei hätte das Schlimmste ja noch vor mir gelegen, wenn ich es je so weit geschafft hätte: Pennsylvania. Egal, ich genieße es! Vor zwei Tagen zog urplötzlich der Herbst hier ein. Es regnete eine Nacht lang und am Morgen war es plötzlich 30 Grad kälter, was beim Hiken wirklich hilfreich ist. Auch die Nächte sind angenehmer und die Mücken deutlich weniger. Außerdem ist es wirklich wunderschön, morgens mitten in der Natur aufzuwachen, nichts als Grün und frische Luft um mich herum! Das ist auf jeden Fall etwas, das ich schon bald sehr vermissen werde.

Gerade genehmige ich mir einen Zero in Front Royal. Es ist mal wieder Laundry und Einkaufen angesagt… und dann sind es nur noch 54 Meilen bis nach Harpers Ferry! 

2 Gedanken zu „Wer den Trail

  1. Daniel

    Ich stelle mir gerade vor, wie der Bär von oben aus dem Baum zurückknipst und Bilder von fünf fotografierenden Hikern in den sozialen Bärennetzwerken kursieren … Na gut, das war jetzt albern.
    Ganz viel Spaß auf der Restreise und bis bald beim Singen.

    1. Tina Beitragsautor

      Gar nicht sooo albern… der Bär hat tatsächlich mit seinem Kochgeschirr geklappert, um uns zu vertreiben… damit wir Städter uns nicht zu sehr ans Wildlife gewöhnen und am Ende noch zur Pest werden ;-)

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