Das ist die Erklärung

…für mein Singledasein: ich bin unspontan, leicht aus dem Konzept zu bringen, und weil ich nicht glaube, es könne jemand einfach nur nett sein wollen, verpasse ich die besten Gelegenheiten. Vorgestern am Flughafen dachte ich noch: es gibt sie nicht mehr, die normalen, gutaussehenden, freundlichen, unberingten Männer. Dort waren nur Unmengen indischer Familien, die sich – den typisch indischen Gewürzduft verströmend – sämtliche Schlangen entlang vordrängelten… und die Schlangen waren lang, seeehr lang…. wenige Paare internationaler Herkunft mit und ohne Kind, Mädelscliquen, Geschäftsmänner vorwiegend älteren Semesters und ein Haufen komische andere Gestalten.

Zwei Stunden durfte ich in dieser fragwürdigen und wie ich hoffte nicht repräsentativen Gesellschaft darauf warten, meinen Reisepass ein vorletztes Mal herzeigen zu dürfen. Nachdem das erledigt war, hetzte ich zum Baggage Claim, wo ich nach langem Suchen meine Tasche als letztes von zwei beunruhigten Flughafenmitarbeiterinnen bewachtes Gepäckstück wieder fand.

Danach ging es dann verhältnismäßig schnell und ich bekam sogar einen preiswerten Shuttle, der mich fast direkt zum Hotel brachte. Der eigentliche Plan war gewesen, direkt einkaufen, essen und danach schlafen zu gehen, um dann am nächsten Tag in aller Frühe einen Zug nach Harpers Ferry zu nehmen und dort direkt im Wald zu verschwinden. Guter Plan, aber nicht gut genug. Der früheste Zug geht in der Regel nachmittags um vier, und zum Einkaufen fehlte mir die Kraft, Zuhause war es immerhin schon zwölf Uhr nachts. Ich wollte nur noch duschen, essen und schlafen. Danke Amtrak für den miesen Fahrplan! Aus tiefstem Herzen und ganz ehrlich :-) Ich war natürlich dem alten Rhythmus entsprechend früh wach und hatte reichlich Zeit für den Einkauf… was ganz gut war, denn an die amerikanischen Supermärkte muss ich mich immer erstmal gewöhnen. Nach gefühlten anderthalb Stunden hatte ich alles beisammen und mir den ersten Kaffee verdient. Shoppen ist so anstrengend ich weiß gar nicht was alle daran finden.

Washington gehört zu den Städten, in denen ich mich total wohlfühle und wo es gleichzeitig so amerikanisch und so unamerikanisch zugeht, wie man es sich – alle Klischees zu Rate ziehend – nur vorstellen kann. Nie habe ich so viele sportliche Menschen auf einem Haufen gesehen, auf dem großen Grünstreifen genannt Mall, in den vielen Parks, einfach so auf der Straße, überall wird gejoggt und irgendwelche Ball- und Schläger- Spiele gespielt. Und jeder Stadtteil ist total unterschiedlich. Eben noch umringt von Schlips- und KostümchenträgerInnen landet man plötzlich in irgendeinem Ghetto ohne es kommen zu sehen. Auch dort stehen die Häuschen schön in Reih und Glied, sie sind nur einfach nicht mehr so gepflegt, groß und schön wie in anderen Stadtteilen. Mehr so von der Stange und eher die kik-Qualität. Also das, was man sich darunter vorstellt… Nix gegen kik, ich habe erst neulich ein wunderbares Kleidungsstück dort erworben, das jetzt schon seit drei Tagen eine tragende Rolle in meinem Leben spielt… einen Sport-BH. Na gut, soo tragend dann auch wieder nicht, aber immerhin. ;)

Aber ich schweife ab. Ich hatte also noch einen halben Tag Zeit, diese Atmosphäre auf mich wirken zu lassen und beschloss, mir erstmal ein Ticket zu sichern und mich dann meinem leeren Magen zu widmen. Im Untergeschoss der Union Station wurde ich fündig und mit meiner Essensbox im Arm, den Rucksack auf dem Rücken schlängelte ich mich durch die von Menschen nur so überquellende Halle. Ehe ich mich versah, zeigte ein wirklich sehr nett aussehender Mann jüngeren Alters auf den Platz gegenüber um zu signalisieren, ich könne mich zu ihm setzen. Meine Mimik und Gestik waren meiner Denkfähigkeit weit voraus und lehnten sofort dankend ab, und während meine Blödheit so langsam in mein Bewusstsein vordrang, war ich schon an ihm vorbei gelaufen. Die überhaupt einzigen Alternativen waren ein sehr dreckiger Tisch in der Mitte des Trubels und dann zum Glück oder Unglück ein etwas sauberer, der gerade frei wurde. Jetzt wo mir klar wurde, dass ich nicht allein hätte essen müssen, hatte ich gar nicht mehr so viel Appetit. Ich fragte mich, ob es wohl albern wäre zurück zu gehen und zu sagen, oh i just changed my mind, ich esse doch lieber an deinem Tisch. Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich erst als ich fast mit dem Essen fertig war mitbekam, dass ein alter verschrobener Lüstling am Tisch neben mir ständig kussmaulig herüber schmatzte und dabei sehr eindeutige Handbewegungen machte… Das war natürlich VIEL besser, als mit einem aufmerksamen, zuvorkommenden und gutaussehenden Mann zusammen am Tisch zu sitzen und womöglich noch ein nettes Gespräch zu führen… Ich bin einfach manchmal so unglaublich blöde, dass es sprichwörtlich weh tut! Den Rest der Mittagszeit bis zur boardingtime verbrachte ich im Park in der Sonne und in sicherem Abstand zu allen potentiell komischen Leuten.

Aus traditionellen und Zeitgründen bin ich dann gestern Abend nicht mehr auf den Trail sondern ins Tea Horse Hostel in Harpers Ferry gegangen, da ich nicht einschätzen konnte ob ich es vor Sonnenuntergang bis zum ersten Shelter schaffen würde… Tja heute regnets in Strömen und meine Schuhe, die schlauerweise draußen standen – vor zwei Jahren durfte ich sie nicht mit reinnehmen, und gewohnheitsmässig habe ich sie vor der Tür ausgezogen – sind nass, bevor sie den Trail überhaupt nur gesehen haben. Und sie scheinen doch irgendwie wasserdicht… sie standen ungefähr kniehoch voll mit Wasser. Vielleicht finde ich ja irgendwo noch Tüten dann mache ich den Hanna-trick: Plastik über die Socken und dann in die Schuhe, dann hat man die Chance dass wenigstens die Socken trocken bleiben. Mal gucken, wie das funktioniert. Um zehn soll es weniger werden mit dem Regen, dann geht es endlich los! Das coole ist, auf den nächsten 20 Meilen sind vier Shelter in regelmäßigen Abständen und nicht weit vom Trail. Eines davon wird meine nächste Station. Ich hoffe sehr, dass das Wetter weiter nördlich besser ist. Drückt mir die Daumen!

3 Gedanken zu „Das ist die Erklärung

  1. Rita

    hey schugga,

    da hast du ja schon vor deinem ersten trail-tag viel erlebt! hört sich spannend an. ich werde auf dem laufenden bleiben, wenn du uns weiter mit deinen aktuellen erfolgen (oder auch misserfolgen – siehe verschmähter tischnachbar) versorgst. :o) viel spass wünsche ich dir aus dem momentan sonnigen (jaaa, kathrin hat nicht geschummelt) hamburg. bis demnext! :o* LG von der homebase.

  2. Kathrin

    Liebe Grüße aus dem heute sonnigen Hamburg von deinem nun achtjährigen Patenkind!
    Werden heute einen hoffentlich schönen Tag im Schmetterlingspark verbringen und an dich denken!
    Hoffen,es geht dir gut?!? Ganz, ganz liebe Grüße von den Treudel’s.

  3. Daniel

    Zum Thema “Lüstling”: Damals bei der “Aufschrei-Debatte” hatte ich mir etliche Schilderungen von Frauen durchgelesen, und ich war sehr unangenehm berührt. Ich hatte tatsächlich gedacht, wir wären schon weiter, zumindest in unserem Kulturkreis. Aber vielleicht ist das Idiotentum ein zeitloses Phänomen. Wie auch immer: Viel Spaß in den Wäldern, wo Dich höchstens hungrige Tiere anschmatzen. Viele Grüße, Daniel

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