Es regnet…

…in Strömen.

22. Mai 2016

Die letzte Nacht war ganz schön kalt, jedenfalls so kalt dass meine Füße nicht warm wurden. Gar nicht, und auch nicht während des Schlafens. Eigentlich bin ich ja eher so veranlagt, dass ich dann morgens gar nicht hätte aufstehen mögen, aber auf wundersame Weise freute ich mich darauf, endlich wieder loslaufen zu können, da ich wusste, mir würde endlich wieder warm werden. Es läuft bisher ganz gut, das Knie macht erstaunlich bereitwillig mit, die Füße taten noch überhaupt nicht weh – was ja für mich auch eher ungewohnt ist – und auch sonst muss ich nicht viel leiden. 

Es ist halt etwas nass die ganze Zeit. Gleich das erste Shelter nach fünf Meilen hatte ich mir heute für mein zweites Frühstück mit Kaffee und Müsliriegel auserkoren. So weit so gut. Als ich dort ankam war dort eine ältere Lady im Rentenalter mit einem – noch – recht großen Rucksack. Sie erzählte mir, Sie stünde noch am Anfang ihres Thru’hikes und müsse wohl noch etwas Gepäck loswerden. Gemäß Familientradition habe sie beschlossen, es wie ihr Vater damals zu machen und den Appalachian Trail komplett zu wandern. Sie freue sich schon auf die Zeit, wo sie endlich ihre Trail-legs hätte und sie schneller laufen könne. Sie schwärmte mir noch eine Weile von dem Shelter und dem ganz hervorragenden Privy – in diesem Falle ein wohlriechendes Holzspäne-WC mit Aussicht – vor und verschwand dann gut gelaunt wieder im verregneten Wald, nicht ohne mir vorher aber noch zu erzählen, dass in dem nächsten Shelter, das ich mir für die Nacht ausgeguckt hatte, mal ein Doppelmord passiert sei. Mein AT Guide verriet mir außerdem, dass dort nur fünf Schlafplätze sind. Bei dem Wetter könnte es knapp werden.

Dann kam Pedro Dynamite um die Ecke, er stapfte mit einem bösen Gesichtsausdruck den kleinen Hügel zum Shelter herauf. Ok, dachte ich, eindeutiges Zeichen, der will nicht kommunizieren… Du you know the Goonies?! – Fragte er plötzlich grinsend. Ok, dachte ich, der ist verrückt. Vielleicht war der Mord ja hier im Rocky Run Shelter passiert und nicht im Pine Knob?! It’s a movie… an die genaue Geschichte erinnere ich mich nicht, jedenfalls wird in diesem Film irgendein Eis gegessen, das so ähnlich klingt wie der Name des Shelters. Pedro Dynamite stellte sich als überaus gesprächig und gar nicht so verrückt wir befürchtet heraus. Er überzeugte mich problemlos davon, nicht weiter zu laufen und trotz des Regens versuchten wir, ein Feuer zu entfachen, was uns sogar überraschend gut gelang. Aber dann fing es so abartig heftig an zu regnen, dass es innerhalb kürzester Zeit wieder aus ging. Also wirklich eine gute Idee, zu bleiben! Bis zum Abend trudelten nach und nach immer mehr völlig durchnässte Hiker ein und ich war froh, dass ich meinen Schlafplatz schon sicher hatte. Auch wenn die Füße kalt waren, wenigstens ist alles einigermaßen trocken geblieben. 

25.Mai2016

Meine Etappenplanung lässt offenbar zu wünschen übrig, denn ich habe noch kein Wifi gefunden, das ohne Umwege leicht erreichbar gewesen wäre. So ticker ich manchmal abends ein bisschen Text in mein Handy, um es hoffentlich bald in den Blog kopieren zu können, damit nicht nur ich etwas davon habe. Die letzten Tage war super Wetter, den einen Morgen konnte ich sogar auf einem verlassenen Campground heiß duschen und die nötigsten Klamotten durchwaschen, so dass ich entspannt im Wald bleiben konnte, bis mein Bearbag leer war. Eingekauft hatte ich nach Gefühl für 3-4 Tage, gereicht hat es für fast 5! Was unter anderem wohl dem Umstand zu verdanken ist, dass an einem Shelter ein ziemlich großes Stück Pizza übrig war und an einem anderen Tag haben mir Dayhiker etwas von ihren Riegeln abgegeben. Mit meinem Trailmix hätte ich wohl noch einen weiteren Tag bestreiten können, aber nach nur wenigen Tagen kann ich es schon nicht mehr sehen. Andersherum ist es mit dem Trashfood wie Burgern und Softgetränken: der Appetit steigt mit jeder zurück gelegten Meile. In fünf Tagen habe ich fast 60 Meilen geschafft und bin ein bisschen stolz, auch wenn ich die nächsten Tage einen Gang runter schalten werde. Meine Knie und Füße schlagen sich super, seitdem ich mir eingestanden habe, dass ich wohl X-Beine habe und mich dementsprechend auch verhalte. Nie zuvor bin ich so elegant die Berge herauf und hinunter gestakst. :) Allerdings habe ich auch diesmal eine Blase am pinkie-toe, die ich nicht schlimmer machen will. Heute konnte ich den kleinen Kerl ganz wunderbar mit einem Ohropax tapen. Mal sehen, wie es morgen läuft. Eigentlich hatte ich für heute Nacht auf ein Hotelzimmer mit Wifi spekuliert, aber dafür hat meine Geduld beim Hitchhiken nicht gereicht und ich wollte keine weitere Stunde an der Straße entlang laufen. Gerade als ich die Straße zum kirchlichen Hostel überqueren wollte, hielt hundert Meter weiter doch noch ein Auto, aber da hatte ich mich schon entschieden und die Aussicht, den Abend nicht alleine zu verbringen, hat dann den Ausschlag gegeben. Meine Wäsche und ich sind sauber, warm, trocken und satt (ich;)), einen Shuttle zum Walmart gab es günstig dazu und wenn nix schief geht, kann ich ab morgen wieder für mehrere Tage im Wald verschwinden… Zumindest so halb, denn ich werde den offiziellen diesjährigen Midpoint passieren und da gibt’s so einiges drumherum, neben einem Museum inklusive Shop mit Hikerkram wie Socken (ich brauche dringend dünnere!) unter anderem voraussichtlich ein Hostel mit Wifi, juhu!