Hiken ist…

…das reinste Bootcamp: morgens eine ordentliche Cardio-Einheit auf dem Rock-stepper, zwischendurch Walking-Stunden, Balance und Konzentration downhill und dann alles nochmal von vorne. Nicht zu vergessen ‘Muddytrail- Jump and Run’ zur Auflockerung. Was ich nicht verstehe ist, wie ich mir Blasen zuziehen konnte. Die mögen mich irgendwie, wie Vice eben schon schmunzelnd meinte: just trying to take it slow?! Aber selbst Cupcake, der schon tausend Meilen hinter sich hat (und zwar dieses Jahr, nicht vorletztes) kriegt immer wieder mal eine Blase. Wohl eines der Hobbys die man sich hier zulegt.

Heute Nacht soll es gewittern, aber so recht kann ich es noch nicht glauben, da bin ich ganz andere Vorzeichen gewöhnt. Im Moment ist es einfach ein bisschen schwül und leicht bedeckt. Wir hocken zu circa dreizehnt im und um das Shelter herum. Es sind einige äußert unterhaltsame Zeitgenossen unter uns, es gab schon Yoga, einige bauen gerade ein Feuer und eine Gitarre habe ich auch schon gesehen. Die Aussicht ist super, der Creek und der Trail mäandern direkt durch den Vorgarten und hübsche bunte Vögel vertreiben sich ihre Zeit. Es ist kaum sechs und fast alle Hiker haben bereits gegessen. Insgesamt die perfekte Mischung aus Entertainment und Idylle. Naja, mit dem Feuer sollten die Männer sich ein bisschen beeilen, die Bugs fressen mich auf!

Die ganze Zeit habe ich überlegt, wieso einer der zwei Kanadier mir so bekannt vorkam… Bis er sich am Feuer neben mich setzte und fragte, was mich auf den AT verschlagen hätte. Es fiel mir fast alles aus dem Gesicht und ich musste etwas stottern. Ziemlich sogar. Mein Gesicht hätte ich gerne gesehen als ich versuchte, meine Sprachlosigkeit in wenigen Worten zu erklären. Es ist einfach unglaublich irritierend, einen Menschen zu treffen, der aussieht wie jemand, den man gut kennt, von dem man andererseits aber überhaupt nichts weiß. Mimik, Gestik und Habitus passen total, nur in einem völlig anderen Zusammenhang. Niemals würde diese andere Person einen Fuß auf den Trail setzen geschweige denn, auf eine Dusche und einen geregelten Tagesablauf, die Zeitung und ihre Arbeit verzichten. Statt der relativ kurzen gestylten Haare und dem perfekt glatt rasiertem Gesicht sitzen mir hier etwas mitgenommene, schulterlange zu zwei Zöpfen geflochtene Haare gegenüber. Er hat einen Ein-Wochenbart und unfassbar übel riechende Socken, die er jedoch mir zuliebe zu der frisch im Creek gewaschenen Wäsche der anderen Hiker auf die Leine zu hängen bereit war. Da er extrem gerne gut und laut singt und außerdem Kanada nie ernsthaft verlassen hat, ist es ausgeschlossen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt, auch wenn es mir nur schwer begreiflich ist. Ich bin seit eben absolut davon überzeugt, es muss ein Paralleluniversum geben, und ich habe aus Versehen durch das Schlüsselloch geguckt! Zu allem Überfluss passt der berufliche Werdegang, ich habe es aus unerfindlichen Gründen jedoch vermieden, River nach seinem echten Namen zu fragen… Das wäre vielleicht auch einfach mehr gewesen als ich auf einmal zu verarbeiten in der Lage wäre. Es war wie zwei Varianten ein und derselben Person zu sehen: eine die nur funktioniert, und eine die wirklich lebt. Gruselig irgendwie und interessant und absolut überdenkenswert! Was wenn es irgendwo auf der Welt auch von mir eine Kopie gäbe, die einfach ein völlig anderes Leben leben würde? Wie würde dieses Leben wohl aussehen?

Es wurde viel rumgeflachst den restlichen Abend und es wurden so allerlei wunderbare Leitsätze (um-)formuliert, die einem das Traillleben erleichtern sollen… Hier eine kleine Auswahl :

Save Energie, don’t talk to other hikers, don’t smile

Miles not smiles 

Lächeln macht den Bart so breit, dass man nicht mehr aerodynamisch ist, also besser nicht lächeln.

Wenn du die ganze Zeit weinst, dann bist du aerodynamischer und verlierst auch noch successive Gewicht.

Wenn deine Schuhe kaputt sind, repariere sie nicht, sondern warte bis sie richtig schmerzen, so dass du die ganze Zeit weinen musst.

Und ansonsten für und gegen alles andere: roll the dice!

 

27.Mai2016

Die besten Partys… finden in der Küche statt. Deshalb ist es wohl keine so schlechte Idee, eine große Küche zu haben. Außerdem hält essen Leib und Seele zusammen. Praktisch ein Drittel meines Rucksackinhalts besteht aus Lebensmitteln und allem zur Zubereitung Notwendigen. Ein Viertel ist Schlafzimmer, je ein sechstel ist Bad und Kleiderschrank, der Rest ist technisches und sonstiges Equipment und Büro.

Die letzten Tage sind mir so einige Hiker über den Weg gelaufen und fast alle haben mehr Zeug dabei als ich. Wie schaffen die das bloß, das alles jeden Tag mit sich zu schleppen, ohne frustriert oder aggressiv zu werden? Häufig ist deren Küche noch größer als bei mir, mit Töpfen, Pfannen, Tuben, Dosen, Fläschchen und allem möglichen anderen. Und mir ist aufgefallen, je kürzer der geplante Trip ist, umso dicker ist der Rucksack. Also wenn ich eines gelernt habe, dann was ich alles nicht brauche.

Heute habe ich mich für einen Zero entschieden, übrigens mein erster freier Tag, den ich in einem Shelter verbringe. Ich sitze in der Sonne und hoffe, dass meine Blasen an den Füßen soweit austrocknen, dass ich morgen weiter laufen kann. Wenn das klappt, hätte ich damit nicht nur den psychologischen (Harpers Ferry) sondern auch den physikalischen Midpoint des Trails geschafft. Es ist gerade einfach nur friedlich und wunderschön hier. Die Streifenhörnchen glauben sich unbeobachtet in meiner Nähe und ab und zu schaut ein Kolibri vorbei, der die kleinen weißen Schirmchen vom Löwenzahn pickt und dabei klingt wie ein Minihubschrauber obwohl er offenbar keinen einzigen Lufthauch verursacht. Wäre ja auch ein bisschen fies, wenn in dem Moment, wo er sich nähert, alle weißen Flusen wegfliegen würden. Vorbei wäre es mit dem Nestbau. Am Ende würde er vor lauter Verzweiflung die Daunen aus meinem Schlafsack ziehen…

Gerade eben hat Scooner auch noch eine kleine Fledermaus entdeckt, die unter dem Dach des Shelters schläft. Alle Stunde lerne ich neue Hiker kennen, die sozusagen durch ‘meinen’ Vorgarten laufen und auf eine Abkühlung und eine kurze Pause auf der Porch Platz nehmen. Echt interessant und vielleicht holen ja auch die ganzen deutschen Hiker so langsam mal auf, die angeblich hier noch so rumlaufen. Ich bin auf jeden Fall neugierig.

2 Gedanken zu „Hiken ist…

  1. Daniel

    Es gibt ein Paralleluniversum. Meine linken Socken verschwinden da immer. Viel Spaß weiterhin!

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