An das Herumgeballer

…werde ich mich wohl nicht mehr gewöhnen. In Amerika wird gejagt und geschossen was das Zeug hält. Nun dachte ich eigentlich, es wäre gerade keine Jagt-Saison, und es läuft auch nicht viel rum, was man gerade schießen darf. Aber die letzten Tage wurde viel geschossen. Nun gut, der Trail ist scheinbar gut markiert, überall stehen NO HUNTING Schilder am Trail und die Umgebung ist mit safety zone und ähnlichem beschriftet. Trotzdem ist es komisch, wenn nur eine Meile entfernt jemand schießt. Einer hatte wohl etwas Frust, man hörte den ganzen Tag immer nur BAAM! BAAM! BAAM! BAAM!… Er schien mich förmlich zu verfolgen, so wie vor zwei Jahren immer die Gewitter hinter mir her waren, so ist es diesmal das Geballer. Morgens war es immer vor mir, im Laufe des Tages kam es immer näher und gerade als ich dachte, gleich steht einer mit ner Knarre vor mir und sagt: Snowball!!! Hab ich Dich!!! …gerade dann wurde es meistens wieder leiser um irgendwann komplett zu verstummen. 

Naja, so ein zwei Tage war wohl Ruhe, ich habe soweit nicht wirklich etwas vermisst, als plötzlich große Schilder darauf hinwiesen Hunters wear orange, so should you!  ICH? Orange? Ernsthaft? Woher nehmen und nicht stehlen? Die erlauben doch nicht ernsthaft, dass hier gejagt wird? Hier, wo alle fünfhundert Meter irgendein anderer Trail den AT kreuzt? Plötzlich? Das macht doch gar keinen Sinn!? Ich habe leider keine orange Mütze, Weste oder irgendwas und ich wäre wohl auch die einzige Hikerin mit sowas gewesen, aber einen Augenblick lang war ich verunsichert… und wären meine intensiven Überlegungen erfolgreich gewesen, wären mir vermutlich meine pinkfarbenen Unterhosen wieder eingefallen, aber zum Glück sind sie es nicht, so dass mir eine schwere Entscheidung zu treffen erspart geblieben ist. ;)

Kurze Zeit später ging das Geballer wieder los… Diesmal aber Maschinengewehre, gefolgt von Detonationen, wieder Maschinengewehre, dann schossen Düsenjets über mich hinweg, und dann das ganze Spektakel von vorn. Ich dachte schon, hätte ich mal doch besser die Nachrichten gesehen, vielleicht habe ich was wichtiges verpasst?! Es war unwirklich irgendwie, aber in gewisser Weise auch beruhigend, dass da nicht irgendein Irrer rumläuft und auf Hiker schießt (das ist übrigens zuletzt 1986 oder so passiert – ich erwähnte das Shelter in dem ich nicht schlafen wollte…?), sondern nur ein paar Leute Krieg spielen, scheinbar ist eine Militärbasis in der Nähe.

Ein anderes weit verbreitetes Geräusch sind gerade Rasenmäher, leider nicht immer dort wo man sie gut gebrauchen könnte. Den einen Morgen hatte ich mich so wunderbar von oben bis unten mit Deet eingesprüht, da stand ich schon vor einer komplett ungemähten Wiese voll – theoretisch schulterhohem, nun aber halb liegendem – nassem Gras und Getreide und kein Trail und kein Whiteblaze erkennbar. Ich wusste nur, die Richtung musste es irgendwie sein, also hinein ins Gestrüpp. Nach einigen Metern sah ich dann doch eine Markierung und von da aus auch bald die nächste, aber ich fühlte mich sehr an diese Filme erinnert, wo irgendwelche Cowboys durch irgendwelche Sümpfe und Flüsse waten und dabei ihr Gewehr weit über den Kopf halten… was ich mit meinen Trekking-Stöcken tat, um mich nicht zu allem Überfluss auch noch zu verheddern. Danach musste ich mich nochmal mit Deet einsprühen, weil ich sonst von Zeckenparanoia getrieben die ganze Zeit überlegt hätte, wo an meinem Körper sie sich jetzt gerade wohl festsaugen könnten… Trotzdem ich an dem Tag noch so einige mannshoch bewachsene Wiesen queren musste – wenn auch zu trockenerer Tageszeit und daher mit als Schneise erkennbarem Trail – hat wohl kein Insekt einen eventuellen Körperkontakt mit mir überlebt.

Ich glaube, ich habe selten so viele Nächte in Sheltern geschlafen und selten so viel Glück mit den übrigen Unterkünften gehabt. Es gab aber auch ein paar extrem merkwürdige Begegnungen und ein bis zwei Shelter, in denen ich genau deswegen nicht geschlafen habe, oder zumindest Für und Wider sehr genau abgewogen habe… In dem einen hauste ein Jugendlicher, der entweder gerade erst blauäugig losgewandert war, oder der mal cool sein und im Wald schlafen wollte. Jedenfalls war er recht unausgegoren bis unausgewogen equiped. Er erzählte Wonderland und mir, er würde gerade einen Zeroday einlegen, war aber ansonsten nicht übermäßig gesprächig. Alles, was er trotzdem von sich gab, endete mit Blödsinn. Zum Beispiel, ich habe eine Schlange gesehen, die gerade einen Vogel gefressen hat (soweit faszinierend) – und dann habe ich den Kopf abgeschnitten und ‘es’ gegessen. Englisch ist manchmal so missverständlich… Ich konnte mir nur schwer verkneifen nachzufragen, wen oder was? Die Schlange? Den Vogel? Den Kopf? Fast hätte ich laut gelacht, aber was, wenn er es am Ende gar nicht so witzig gefunden hätte…? Hätte er bestimmt nicht. Wonderland erzählte mir hinterher, er hätte erstmal seine Messerkollektion auf dem Tisch ausgebreitet, als sie dort ankam. Vielleicht wollte er auch einfach nur lieber allein sein.

Ich dachte natürlich, am nächsten Shelter könne es nur besser werden… Ein junger Typ mit Rucksack und in (im Schritt und auch sonst überall) zerrissenen Jeans kam angelaufen. Bitte sag mir, dass hier ein Privy ist!!! Waren seine ersten Worte. Er musste scheinbar nicht sehr dringend, aber ansonsten doch sehr, denn er tüdelte erst minutenlang noch herum, um dann für etwa eine halbe Stunde auf eben jenem Örtchen zu verschwinden. Nee, oder? Im letzten Shelterbuch hatten einige vor Norovirus gewarnt und ich wollte nicht in der Kontaminationszone enden! Außerdem wusste ich nicht so recht, ob das wohl die optimale Gesellschaft für eine entspannte Nacht sein würde. Während seiner Sitzung tauchte schon der nächste, immerhin als Hiker identifizierbare, Zeitgenosse auf. Ich hoffte und betete, er möge bleiben. Im ersten Moment zumindest. Dann rülpste er und quatschte komisches Zeug. Ich hoffte und betete, er möge weiter ziehen. Noch bevor ich den Gedanken, vielleicht lieber mein Zelt aufzubauen, zuende denken konnte, entdeckte ich am Shelter diverse Warnhinweise. Stachelschweine! Diese hatten das Shelter schon ziemlich angefressen und sollten auch sonst nicht besonders schüchtern sein, so hieß es. Das Shelter war umgebaut worden, so dass sie nicht mehr hinein konnten, aber draußen zu schlafen fiel damit für mich aus. Der Hiker (leider hielt ich es nicht für notwendig, mir seinen Namen zu merken) erzählte mir während dessen wort- und gestenreich, wieviele Meilen er täglich laufen würde, und wie sehr die Haut darunter leiden würde… Wo genau, das konnte ich mir gut vorstellen, als er mit offener Hose plötzlich aufstand, worunter zu meiner großen Erleichterung jedoch eine so geräumige Unterbüxe zum Vorschein kam, dass er mit beiden Armen darin herumwühlen konnte, ohne dass ich mir Details ansehen musste. Was er dann auch tat. Meiner Bitte, dies doch bitte irgendwo zu machen, wo ich es nicht mit ansehen müsste, kam er zwar nur maulend nach – schließlich seien wir im Wald, so von wegen Natur und so – aber er verschonte mich mit weiteren Ausblicken. Das Privi-Bürschchen war derweil von seinem Ausflug zurück gekehrt und amüsierte sich gar köstlich. Der Rest des Abends gestaltete sich äußerst unterhaltsam. Abwechselnd brachten die beiden irgendwelche Knallersprüche oder warteten mit irgendeinem irgendwie unsozialen Verhalten auf, woraufhin der jeweils andere wirklich gewählte und zurechtweisende Worte fand und dann entweder hinter seinem Rücken die Augen verdrehte (Hiker) oder mich angrinste (Bubi). So verbrachten wir dann doch noch einen recht harmonischen Abend, muss ich sagen, und dank Ohropax – zumindest für mich - auch eine ziemlich ruhige Nacht.

2 thoughts on “An das Herumgeballer

  1. Daniel

    Was gehst Du auch unbewaffnet in amerikanische Wälder … Jetzt mal im Ernst: Das beim restlichen Equipment gesparte Gewicht hättest Du doch gut in ein handliches Sturmgewehr investieren können.

    P.S. Panzer brechen da aber nicht durchs Gehölz, oder? Sonst müsste man bei der Bewaffnung eventuell ‘ne Schippe drauflegen.

  2. BruderHerz

    Hallo Schwesterherz!

    Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich es endlich mal wieder geschafft Deinen Blog zu lesen :-)

    Ich dachte immer im Wald ginge es etwas entspannter zu – so fernab der Teleshopping-Sender mit irgendwelchen Messerpräsentationen und dem “Nicer Dicer” ;-) Aber komische Leute gibts wohl überall auf der Welt…

    Wir haben hier die erste richtig richtig richtig warme Sommerwoche zu fassen – mit Temperaturen um die 25 Grad – eigentlich kein Wetter zum arbeiten. Da ist man doch über eine Klimaanlage im Auto froh…

    Ich wünsche Dir ein paar sonnige Tage und natürlich noch mehr von den positiven Begegnungen :-)

    Lieber Gruß
    Dein BruderHerz

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