Nicht, dass ein falscher

…Eindruck entsteht! Kurz vor und auch nach diesen ‘creepy’ Begegnungen habe ich mindestens zehnmal so viele positive, überraschende und tolle Bekanntschaften gemacht. Wie immer hatte ich mal wieder Glück mit meinem Pech. Ich hatte es mir schon so schön ausgemalt… Ich käme nach Boiling Springs und dann wären es nur noch 0.4 Meilen zum Hotel, ich würde duschen, etwas essen, meine Wäsche waschen, andere Hiker treffen, mich sauber und wunderbar fühlen und dann abends schön in die gestärkten weißen Laken kriechen… Tja schade.

Zum Glück war ich noch etwas unentschlossen und machte zunächst einen Abstecher zum AT Touristcenter, wo ich Tingle wieder traf, die mir schon ein paar mal über den Weg gelaufen war. Leider musste sie den Trail hier aber für ein paar Tage verlassen, da eine Familienfeier anstand. Während sie sich mit Wasser versorgte, fiel mein Blick auf das schwarze Brett… ‘Mein’ Hotel würde zur Zeit nur sporadisch und von wechselnden Besitzern betrieben und außerdem wäre sonntags geschlossen. Hmpf. Immerhin ersparte es mir im Endeffekt eine Meile Fußweg, nur musste ich mir jetzt eine Alternative suchen. Im AT-Guide war noch ein Bed&Breakfast verzeichnet, etwa zwei Meilen in die andere Richtung. Es wurden sogar Shuttles angeboten, nur leider bekam ich mit meinem Handy keine Verbindung hin. Ich stiefelte los, wurde mir aber schnell klar darüber, dass meine Füße nicht gerade zu Freudentänzen aufgelegt waren. Tausend Fragen stellten sich ein, was wenn alle Betten belegt waren? Schließlich war Feiertag, Memorial Day mit Paraden und allem möglichen. Also startete ich mal wieder einen Hitchhike-Versuch, mit der selben Unsicherheit wie beim ersten Mal. Daumen raus und abwarten. Eins von zehn Autos hielt nur beinahe, überlegte es sich aber auch gleich wieder anders. Dann stoppte Mike. Eigentlich nur, um mir mitzuteilen, dass er nicht weit fahren würde… räumte währenddessen aber bereits den Beifahrersitz frei. Er ließ mich und meinen Rucksack gelassen einsteigen und dann suchten wir das B&B…fanden es aber nicht. Also stoppten wir kurz bei Tina, seiner Mitbewohnerin, die die Adresse kurzerhand googelte und Mike ihr Smartphone als Navi in die Hand drückte. Es stellte sich heraus, wir waren ziemlich knapp daran vorbei gefahren – so ungefähr zwei weitere Meilen – und zufuß hätte ich es niemals gefunden! Mike dropte mich auf der Auffahrt, wir beide froh, dass er mir helfen konnte und ich ging klingeln. Die Besitzer Joanne und Billy waren total überrascht, mich vor ihrer Tür stehen zu sehen. Sie hatten genau ein einziges Zimmer überhaupt zu vermieten zur Zeit… und es war meines! Ich bekam eine Cola, in die Hand gedrückt, lernte das Haus, den Garten, Joannes 98-jährige quietschfidele Mutter Florence und den Hund Molly kennen und durfte dann erstmal duschen gehen. Da ich bezüglich des Dinners wohl etwas orientierungslos wirkte und sie nicht wollten, dass ich Hikerfood essen müsste, luden Joanne und Billy mich kurzerhand auch noch zum Abendessen ein. Sie waren immer noch total überrascht darüber, dass ich einfach so vor ihrer Tür gestanden hatte und ich freute mich einfach über ihre großartige Gastfreundschaft. Molly bellte mich zwar jedes Mal an, aber eigentlich meinte sie es nicht so. Molly ist der erste Hund den ich kenne, der total auf Eiswürfel abfährt. Als sie klein war, hat sie immer die Möbel angekaut, und um ihr eine Alternative anzubieten, hat Joanne ihr Eiswürfel gegeben. Seitdem kaut sie nur noch Eiswürfel und hält es für eine Sonderbehandlung. Na, wenn das nichts ist! So leicht sind Hunde und Hiker glücklich zu machen!

Am nächsten Morgen bekam ich ein grandioses Frühstück, nebenbei schafften wir es noch, uns unheimlich viel zu erzählen und entsprechenden schwer fiel der Abschied. Ich bekam noch Cookies und die Telefonnummer für Notfälle mit (Pizza is not an emergency! ;)) und dann ging es wieder weiter.

Nach der einen oder anderen schrägen bereits erwähnten Begegnung traf ich dann gestern mal wieder auf ‘normale’ Hiker, wenn man in diesem Zusammenhang von normal reden kann. Pinecone Sitter habe ich nur zufällig eingeholt, weil sie zu den Kranken gehört hatte, und in dem Shelter, dass wir uns nach 18 Meilen für die Nacht auserkoren hatten, bekam ich auch endlich mal ein Gesicht zu Bond, dessen Namen ich in den Traillogs immer mal wieder gelesen habe. Außerdem zwei Kerle, die es vorzogen, zu zelten. Bond und ich peilten einen mittelkurzen Tag mit Stadtgang an, da er bereits seit einer Woche und ich inzwischen auch wieder seit drei Tagen keine echte Dusche gesehen hatte. Aber nach nur vier Meilen endete dieser Plan zugunsten eines besseren, nämlich dem, mit den beiden Kerls mit einem Shuttle in die nächst größere Stadt zu fahren. Auch nicht schlecht, nachdem geklärt war, dass das Hotel auch wirklich über eine Waschmaschine verfügte, war ich dabei! Lunch gab’s bei Mc Donalds, Dinner im Diner. So langsam bekomme ich echt nette Gesellschaft UND ich habe den ersten eingeholt! Nämlich: Bond ist langsamer als ich! Noch zumindest. Er ist drei Tage vor mir in Harpers Ferry losgestiefelt. Bei Mäckes hockten dann zu aller Überraschung noch drei weitere Hiker, die echt nett und lustig waren und laut Shelter-log viel weiter hätten sein müssen. Tja, das ist einer der wenigen Nachteile, wenn man nur Section-Hiker ist, kaum ist man drin, ist man auch schon fast wieder draußen. 99,9% werde ich ein oder zweimal sehen und dann nie wieder. Manchmal ist das gut so, manchmal schade. Aber meistens ist es einfach schön, diesen Menschen begegnet zu sein. Wie Pinecone Sitter gestern sagte: so ist das Leben, Menschen kommen und gehen, nur auf dem Trail geht es einfach schneller.

One thought on “Nicht, dass ein falscher

  1. Daniel

    Freut mich zu hören, dass es nicht nur mutwilligen Schusswaffengebrauch, kriegerische Auseinandersetzungen, abgebissene Vogelschlangenköpfe und Todesviren an stillen Örtchen auf dem Trail gibt.

    Viele schöne Erlebnisse noch und liebe Grüße
    Daniel

Kommentare sind geschlossen.