Pläne ändert man

…optimalerweise täglich oder gerne auch mehrmals täglich. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so viele Entscheidungen treffen musste, wenn ich dachte, es wäre eigentlich alles klar… Ich glaube, ich habe die perfekte Peer Group gefunden, und mit dem Wetter, dem Appetit, den Gelegenheiten, mit jeder neuen Information und unter Rücksichtnahme auf die individuellen Befindlichkeiten ändern sich die Umstände und Pläne einfach schnell. Nun geht’s schon bald wieder nach Hause. Vor wenigen Tagen noch hatte ich das Gefühl, zwei bis drei Wochen Trail reichen völlig aus, jetzt komme ich erst so richtig in den Rhythmus, ‘get socialised’ und könnte eigentlich noch bleiben…

Irgendwie sind Bond und ich aneinander kleben geblieben. Immer wieder haben wir uns gegenseitig überholt und endeten stets am selben Punkt. Er hatte einfach das perfekte Tempo. Da wir beide noch nie Pizza in ein Shelter bestellt hatten beschlossen wir, das legendäre 501 Shelter zu entern, wo es außerdem eine Solardusche – kalt, aber erfrischend – und ein wohlriechendes Dixi gab. Der Abend wurde richtig nett, wir lernten Stripe, Hooshr und Forrest kennen (und eine komische Lady, bei der irgendwas im Oberstübchen nicht ganz rund lief) und überfraßen uns förmlich. Schön war’s. Den Rest gab’s zum Frühstück. Trotz Käseoverkill hatte ich keinerlei Probleme mit Übelkeit oder ähnlichem, der Wald scheint mich abzuhärten ;) Den nächsten Tag verbrachten wir mehr oder weniger zu viert, alle ungefähr dasselbe Tempo, das Wetter war soweit ok, es sollte später jedoch schwere Regenfälle geben. Ich war unentschlossen. Eigentlich hatte ich Essen für die nächsten – und letzten – drei Tage auf dem Trail eingekauft und peilte das nächste Shelter an. Aber der Gedanke an eine grandiose heiße Dusche, Breakfast und Dinner sowie ein Bett im trockenen für 35$ war einfach zu verlockend. Und schon erst recht nicht wollte ich auf meine neu gewonnenen Hikingbuddies verzichten! So ließen wir uns nach einem kurzen Hike von Craig einsammeln, der zusammen mit seiner Frau Jody erst Anfang April relativ spontan ein Hostel eröffnet hat. Es war wie Lotto spielen und den Jackpot knacken: da das Rock ‘n Sole Hostel neu ist, gab es nur ein paar Flyer an einigen Sheltern und Empfehlungen in Blogs von anderen Hikern. Ich hätte es nicht besser treffen können! Dinner und Frühstück gab es auf der Frontporch und es war super lecker. Die Entscheidung, die letzten Tage hier zu verbringen war die leichteste. So hatte ich noch einen richtig schönen und ein bisschen traurigen 20Meilen-Slackpack-Tag mit Bond, Forrest und Hooshr, wobei ich mich dann leider nach 15 Meilen von Bond verabschieden musste – schnief – angemessenerweise nach einem kühlen Bier im (members only) Pub der freiwilligen Feuerwehr in Port Clinton. Für ihn war es Zeit, die frisch erworbenen ‘Traillegs’ nun endlich in Meilen umzusetzen und einige andere Hiker einzuholen.

Mit Forrest und Hooshr wanderte ich am nächsten Tag noch knappe 10 Meilen bevor ich mich auch von ihnen verabschieden musste. Craig und Jody sammelten mich an einer den AT kreuzenden Straße ein. Sie fuhren just in dem Moment vor, in dem ich ziemlich nass geregnet den Fuß des Geröllhaufens erreichte, der erstmal der letzte meiner Reise gewesen sein soll. Ich war froh und traurig zugleich. Zum krönenden Abschluss waren wir doch noch in ein Gewitter geraten. Es war zwar kurz, aber sehr eindrucksvoll, obwohl ich mich diesmal nicht – wie so viele Male zuvor – ganz oben auf dem Berg befand. Craigs Heizung wurde der Situation schnell Herr und Jody und ich bekamen on top noch eine Rundtour. Im legendären Eckville Shelter fand ich ein Shelterbuch das bis ins Jahr 2012 zurück reichte! Colour Bandit, mit dem ich vor zwei Jahren eine Weile rumgehangen hatte, war aufgrund der bunten Stifte leicht auszumachen. Was für eine Freude! Außerdem hatte ich so die Chance, selber noch einen Abschiedsgruß zu hinterlassen. Danach ging es in den Barbershop in Port Clinton, den wir aus Desinteresse am vorherigen Tag nicht ‘bewandert’ hatten. Jody war begeistert und entsetzt zugleich. Der Laden sieht aus, wie ein altes Wohnzimmer in einem Cowboydorf im Heidepark, in dem seit ca. hundert Jahren nicht mehr aufgeräumt wurde. Es gibt zwei Friseurstühle fast in der Mitte des Raumes, drumherum eine Wand mit Spiegeln und haufenweise Rasierzeug, drei Seiten mit abgerockten Schaukelstühlen, Bänken und anderen Sitzgelegenheiten, ein Tisch mit Zeitschriften der letzten fünfzig Jahre, viele alte Bilder und Poster an den Wänden und unheimlich viel anderes Zeug. Der Laden ist DER Treffpunkt in dem Dorf und zur Hochsaison vollgestopft mit Hikern und Einheimischen. Diesmal waren es nur drei Kunden und der sehr gesprächige Besitzer. Lustig war’s.

Danach ging es zurück, unter die schönste aller heißen Outdoorduschen und da es noch früh am Tag war und ich die einzige Hikerin für die Nacht, wurde ich kurzerhand adoptiert. Mit Bierchen in der Hand malten Jody, ihre Tochter (ohne Bier) und ich ein Kirchenplakat, während Craig uns im Campingstuhl sitzend zusah und uns mit Bob-Ross-Kommentaren unterhielt – tiny little submarines, lovely little bubbles… – bis er den Grill für die geplanten Hamburger anwerfen musste. Es wurde ein perfekter letzter Abend mit Familienanschluss und über dem Feuer gerösteten S’mores. Das Hostel hatte ich in der Nacht komplett für mich allein. Ein letztes geniales Frühstück und dann fuhr Craig mich nach Harrisburg, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Greyhound Bus besteigen wollte. Er wartete noch so lange im Halteverbot, bis mein Überleben und mein Ticket gesichert waren und ließ mich dann mit den Obdachlosen und Kriminellen – wie er herumflachste – allein. (Don’t leave the trainstation! Don’t go outside! ;)) Kein Amerikaner fährt Greyhound, wenn es auch anders geht… Aha. Ich hätte natürlich auch für den vierfachen Preis Zug fahren können…