WARUM zur Hölle

…kann man hier nicht EINMAL in Ruhe wandern? Ich frag mich das immer wieder! Ich muss wohl langsam einsehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Aber das ist ok, zum Glück bin ich ziemlich stur… Als ich hörte, der AT sei der sozialste der drei großen Trails, habe ich definitiv nicht zwischen den Zeilen gelesen! Und offenbar bin ich nicht hinreichend informiert gewesen. Das nächste Mal mache ich den Pacific Crest Trail ;-) Der ist zwar nochmal ein ganzes Stück länger, aber FLACHER und es sind nicht so viele Leute unterwegs!

Nachdem ich den Samstag sinnloserweise vor Connys Computer verbracht habe – unterbrochen nur von dem Versuch, auf der Porch eine selbstgedrehte zu rauchen und dem Konsum zahlreicher Zuckergetränke – ging es am Sonntag endlich weiter auf dem Trail. Außer mir waren zahlreiche Ausflügler unterwegs, obwohl es mal wieder ziemlich wolkig war und die versprochenen tollen Aussichten ausblieben. Aber was soll ich sagen… ganz ehrlich…? Ich bin zwar immer wieder völlig hingerissen ABER wenn ich ehrlich sein soll, sieht’s irgendwann doch alles gleich aus! Berge über Berge eben. ;-) Nach fast 14 Meilen habe ich eine schöne Campsite entdeckt und mich häuslich nieder gelassen. Zum ersten Mal wirklich allein und es war entspannt, wie es sein soll. Der nächste Tag fing super an, früh wach saß ich gemütlich beim Frühstück, da flitzte ein Kolibri durchs hohe Gras. Wow! Wie winzig die kleinen Kerle sind – und so schnell! Bis auf wenige kurze Begegnungen war der Tag ungewöhnlich ruhig, und das hätte mich definitiv stutzig machen müssen! Gerade als ich anfing, wieder nach einem schönen Platz für die Nacht Ausschau zu halten, entdeckte ich sie im Grün des Waldes: drei Bären! Eine Mutter und zwei nicht mehr ganz so kleine Junge. Dummerweise war ich so erschrocken und auch schon relativ nah dran… ich bin erstmal wieder leise rückwärts gelaufen, um dann singend und trampelnd wieder die Richtung einzuschlagen, um ihnen die Chance zu geben, das Weite zu suchen. Anders wäre ich an denen nicht vorbei gekommen. Und es hat leider geklappt ;-) (Fotos gibt’s ja eh keine)

Noch total beseelt von diesem Erlebnis baute ich Zelt und Bett, kochte mir was Schönes, hängte ordnungsgemäß meinen Bearbag ins Geäst und legte mich glücklich und zufrieden aufs Ohr. Nicht ohne vorher meine geschundenen Füße mit einer ordentlichen Massage zu belohnen. Ich hätte es keinen einzigen Meter weiter geschafft. Und so segelte ich, gerade als es dunkel wurde, ins Reich der Träume davon. Da schrie plötzlich draußen auf dem Trail einer rum, wobei seine Stirnleuchte in meine Richtung wackelte. ‘Ist das nicht die junge Lady, die ich heute Nachmittag schon getroffen habe?’ – ‘Nein ich glaube nicht!’ – ‘Doch! Ich habe Dir doch erzählt, dass ich mein Auto verloren habe und meine Frau Brenda drei Rippen gebrochen hat…’ – ‘Das war nicht ich!’… Also erzählte er – der Schreihals, Larry 72 – mir die ganze Geschichte auch nochmal. Er hatte irgendwo am Trail sein Auto geparkt (wusste aber nicht mehr wo – bei jeder Straße, die den Trail kreuzte war er überzeugt, die nächste müsste es sein) und sich von seiner Frau vermeintliche 7 Meilen entfernt absetzen lassen. Weder wusste er genau wo er war, noch hatte er genug zu essen dabei. In dem Glauben, er würde gleich zum 1.7 Meilen entfernten Shelter weiter gehen und die Nacht abwarten, überließ ich ihm also die vorletzten zwei meiner drei Powerriegel. Schließlich wollte ich ja am nächsten Tag nach Hampton, und ein Riegel und ein Thunfischsandwich würden bis dahin schon reichen, dachte ich. Und dann klappte er mir fast zusammen. War klar, dass das ausgerechnet mir passieren musste… So baute ich also mein gesamtes Gerödel wieder ab und begleitete Larry auf meinem ersten Night-hike zum nächsten Shelter. Wir gingen dabei arbeitsteilig vor: er ging vor und scheuchte die Viecher auf, Motten, Mücken und langbeinige Flugobjekte, und ich konnte zusehen, wie ich sie von meiner Stirnleuchte – genauer aus meinem Gesicht – wieder loswurde. Am Shelter angekommen hatte er sich wieder gefangen und fing fröhlich an, sein Bett zu bauen und Nachrichten an seine Frau zu senden. So war die wenigstens beruhigt. Und obwohl er meinte, er hätte kaum geschlafen, hat er die ganze Nacht geschnarcht und mit seinem Notfallbivaksack geraschelt. Heute Morgen war er dann zuversichtlich, dass er es zur nächsten Straße schaffen würde – er war sich sicher, dort würde nun endlich sein Auto stehen. Ich war mir sehr sicher, dass das nicht der Fall sein würde, da es sich um eine viel befahrene Straße handelte, sein Auto aber an irgendeiner alten Jeeproad stand. Wir verabschiedeten uns also und ich hoffe sehr, dass er so geistesgegenwärtig war, sich dort von jemandem mitnehmen zu lassen! Wo viele Hiker unterwegs sind, bekommt man immer Hilfe und Mitfahrgelegenheiten angeboten. Ich habe meine Meilen also relativ hungrig und so schnell wie möglich abgerissen, die Füße sind mir fast gestorben – hungrig und müde werde ich echt zum Tier – aber ich hab mir direkt das richtige Hostel in Hampton ausgesucht und mir als allererstes einen Burger servieren lassen. Nach der darauffolgenden Dusche ging’s dann wieder. Vergessen die felsigen Abstiege und der Nieselregen. Wendy hat mir ein Bier spendiert und die Sonne scheint auch wieder. Fast bin ich zu träge, für die nächsten Tage einzukaufen… aber nur fast ;-) Auf jeden Fall bin ich wieder versöhnt mit der Welt. Für’s erste…

5 thoughts on “WARUM zur Hölle

  1. M & P

    Hi Liese,
    das ist ja ein Ding! Du allein mit Robert Redford nachts im Wald und dann erkennst Du ihn noch nichtmal?? Muss wohl sehr dunkel gewesen sein. Vielleicht sehen wir Dich ja demnächst im Fernsehen ;-).
    (°L°) und (*j*)

    PS: Die Bilder von den Dixies / Biffies und den Waschmaschinen sind wirklich beeindruckend. Allein das wäre schon die Reise wert.

  2. BruderHerz

    Hallo Schwesterherz!

    Oder soll ich Dich jetzt “Trail Angel” nennen? :-) Larry scheint ja ne echte Kanone zu sein… Ich hoffe Du konntest inzwischen ein paar Meilen Abstand erwandern ;-)) Und ihm wünsche ich natürlich, dass er bald sein Auto und vielleicht auch irgendwann mal wieder seine Frau wiederfindet… Vielleicht hat Sie ihn ja aus Spaß irgendwo im Wald abgesetzt und sein Auto inzwischen umgeparkt…

    Da lobe ich mir doch meine absolut langweiligen aber dafür wirklich ruhigen Waldspaziergänge :-)

    Ach, ich hab gerade die vier neuen Bilder (Woche 5 und 6) entdeckt – sind wohl irgendwie ins Hauptmenü Deiner Homepage gerutscht. Siesta hatte ich mir definitiv anders vorgestellt – aber sieht “nett” aus ;-)) Und wieder kein Foodporn…

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und hoffentlich ruhige Nächte auf dem Trail :-)

    Dein BruderHerz

    1. Tina Beitragsautor

      Das mit den Fotos kann man absolut vergessen. Ich geb’s auf. Das mit dem Hauptmenü ist auch von selbst passiert, aber das war wenigstens noch leicht zu beheben ;-)
      Viel Spaß bei Deinen Waldspaziergängen!

  3. Mary Poppins

    Hallo Tina,
    Super, dass du wieder auf dem trail bist und gut vorankommst . Ist aber ane schöne Strecke mit den Wasserfaellen.
    Ich muss dich schon mal vor was warnen und zwar dem Abstieg vom Dragon’s Tooth, das ist kurz vor der 700 Meilen Marke. Es gibt keinen bad weather trail und es macht keinen spass mit dem großen Rucksack die Felswaende runter zu rutschen. Wenn sich eine slack packing Möglichkeit ergibt : NUTZEN!
    Weiterhin Happy trails und zur Abwechslung mal wieder ruhige und nette Mitwanderer ,
    Tanja Aka Mary Poppins

    1. Tina Beitragsautor

      Hi Tanja,

      ich laufe ja inzwischen am liebsten alleine. Für abends ist es dann meistens ganz nett, wenn ich nicht alleine zelten muss ;-)
      Danke für den Tipp, gut zu wissen!

      Dir auch happy trails!
      Tina

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