Virginia ist bisher überhaupt

…nicht – wie von allen prophezeit – einfach. Von Virginia Blues war da die Rede und dass ich mich langweilen würde… außerdem von vielen Meilen und endlosen Strecken einfach geradeaus über rolling hills… Schön wär’s gewesen! Ok, die letzten zwei Tage ist es wirklich besser gewesen und wer sich die Füße bis dahin nicht völlig demoliert hatte, konnte durchaus was reißen. Ich allerdings arbeite noch daran ;-) Meine Füße waren nicht amüsiert von Felsen und Geröll und so gehe ich weiterhin langsam. Ich kann super mithalten mit einem Pärchen, dass um die 70 ist und ‘nur’ Sektionen wandert. Die beiden sind den AT bereits einmal komplett gewandert. Beinahe täglich verabschiede ich mich also für immer von Teasip und Javaman und spätestens am übernächsten Tag catchen sie mich wieder (oder ich sie). Die Freude ist jedes Mal groß, wenn ich auch nur ungern eingestehe, dass meine Fitness der einer 70-jährigen entspricht… ;-) Da lässt sich auch nicht viel schönreden.

Drei Wochen OFF war wie zum zweiten Mal bei Null anzufangen. ‘Du fängst nicht bei Null sondern bei 300 an’ sagte ein Hiker kurz hinter Hot Springs zu mir. Und jetzt habe ich schon das Doppelte – 600 Meilen! Fitter werde ich auch wieder, wenn bloß die alten Knochen nicht so durch wären. Hätte nicht gedacht, dass Füße so weh tun können, also wird weiter gehätschelt und geschont. Keine 20-Meilen-Tage für mich :-( Man muss hier aber auch über jeden einzelnen buckligen Geröllhaufen asten – und immer natürlich ganz oben drüber, völlig egal, ob es was zu sehen gibt oder nicht. Meistens – man kann es sich schon denken – gibt es nichts zu sehen, was meines Erachtens nicht so schlimm wäre, wenn ich gedankenverloren vor mich hin laufen könnte, statt ununterbrochen auf den Trail zu starren, um bloß nicht falsch zu treten. Man was war ich genervt, bis es dann gestern plötzlich doch besser wurde. Und zu gucken gab es auch endlich mal wieder etwas! Vorgestern habe ich ein Bambi gesehen und einen kleinen Bären, der allerdings fluchtartig den Berg runter flitzte, als er mich erblickte. Wie eine kleine schwarze Wollkugel sah der aus! Zum Glück schien Mamabär nicht in unmittelbarer Nähe ;-)

Weitere Highlights der letzten Tage waren das Chestnut Knob Shelter, das komplett geschlossen mit einer Tür ist – kaum Mäuse und eine tolle Aussicht mitten auf dem Berg! Außerdem habe ich das most awesome Privy am Jenkins Shelter entdeckt und erprobt: einen Thron (jawohl!) auf einem Podest mit 360-Grad Aussicht ins Grüne. Das erklärte dann, warum der Weg vom Shelter dorthin so weit war :-) Heute nun gibt es wieder eine Dusche und saubere Klamotten für mich! Juhu! Eigentlich hätte ich die gestern schon wirklich mehr als dringend gebraucht. Ich wollte einen kurzen Tag machen und in Trents Grocery den Einkauf sowie Dusche und Wäsche erledigen, aber sowohl die Pumpe für die Dusche als auch der Wäschetrockner waren kaputt! Immerhin gab es die erwarteten Burger – ich aß gleich zwei zum Trost – und keine tolle aber immerhin vorhandene Auswahl an Lebensmitteln. Besser wäre ich beraten gewesen, hätte ich Angelausrüstung gebraucht, aber eigentlich war der Laden eine Tankstelle. So saßen Bones, Charlotte’s Web und ich unmotiviert an der Tanke und überlegten, wie weit wir es heute wohl noch machen würden.

Wir trafen uns also an den Dismal Falls wieder, Charlotte’s Web lag nach ihrem Bad schon in der Sonne, als ich kam. Das Wasser war nicht besonders kalt – es war keine Dusche, aber endlich eine Erfrischung! Man konnte sogar drei Meter schwimmen. Die letzten Tage waren trotz vereinzelter Regenschauer extrem trocken gewesen. Viele der Quellen und Bäche waren schlicht ausgetrocknet. Die letzten Pfützen wurden also für die Gewinnung von Trinkwasser leer geschlürft. An dieser Stelle wäre der Wasserfilter dann vielleicht doch ganz nützlich gewesen ;-) Als ich erfrischt und einigermaßen wieder mit der Welt versöhnt aus den Fluten stieg kam auch Bones angehumpelt. Er hatte die Tage zuvor 20 und 25 Meilen gemacht und sich Shin Splints zugezogen, zu deutsch die Schienbeinmuskulatur überansprucht, was sehr schmerzhaft sein soll. Er entschied sich nach dem Baden, sein Zelt direkt an den Wasserfällen aufzubauen, aber mir war es dort zu wuselig, da natürlich viele Hiker diese Idee hatten, und so zog ich noch einige Meilen weiter. Am nächsten Tag war ich dann froh, dass die Strecke zum Woods Hole Hostel nicht mehr gar so weit war, denn die letzten zwei Meilen waren echt gemein. Völlig erledigt kam ich am Nachmittag dort an und endlich mal wieder brauchte ich einfach nur jede Frage mit Ja beantworten. Möchtest Du einen Smoothie, willst Du duschen, brauchst Du ein Bett, willst Du Wäsche waschen, Dinner, Breakfast…? Jaaaa!!! Leider oder zum Glück gibt’s kein Wifi… dafür großartiges Essen, super bequeme Betten und Yoga am Morgen! Außerdem gibt es neben den obligatorischen Hunden und Katzen noch Hühner, Schweine, Frösche, Leuchtkäfer und Kolibris… 

Teasip und Javaman haben sich hier von mir verabschiedet, sie werden morgen in aller Herrgottsfrühe zu ihrem Auto zurück gefahren, weil ihre 280-Meilen-Sektion hier beendet ist. Wirklich beeindruckend die beiden, im Schnitt waren die sie sogar ein bisschen schneller als ich und sie haben noch viele Pläne für die nächsten Wochen… Motorrad fahren, fischen und hiken…

Auch ich mache gerade diverse Pläne, bzw. bisher sind es nur Gedankenspielereien. Ziemlich eindeutig ist, dass ich in der verbleibenden Zeit nicht mehr den kompletten Trail schaffen werde. Ich müsste ab sofort gut 17 Meilen durchschnittlich jeden Tag laufen… Die Standard-Antwort der Amerikaner ist darauf stets: Du kannst es immer noch schaffen, es wird einfacher! Klar… ;-) Meine erste Idee war, einfach so weit zu wandern, wie ich es schaffe und dann zurück zu fliegen und den Rest ein anderes Mal zu machen. Aber irgendwie gefällt mir der Gedanke nicht. Alternative wäre, einen Part in der Mitte zu überspringen und das Ende des AT zu hiken. So würde ich meine Reise mit einem Foto auf dem Mount Katahdin beschließen können und würde eines schönen Tages wieder kommen und den Mittelteil nachholen. Das klingt in meinen Ohren schon gleich viel besser… Nun ist es aber auch so, dass ich gerade in der letzten Zeit das ganze Drumherum sehr genossen habe und außerdem – vielleicht lag es an der Trockenheit – vermisse ich das Meer! Als ich anfing diese Reise zu planen ging ich noch davon aus, dass man (also auch ich) den AT in 4-6 Monaten bewältigen könnte. Und ich malte mir aus, was ich mit der verbleibenden Zeit (da muss ich direkt mal laut loslachen!) :-D alles schönes anstellen würde. Es gibt so viele Dinge, die ich gerne ausprobieren möchte, und Surfen ist eines dieser Dinge. Ok, das kann ich ja immer noch später… wie so vieles… aber warum? Warum warten, warum aufschieben? Was, wenn ich erstmal ‘nur’ den halben Trail mache…? Ich habe so viele Möglichkeiten! Darüber muss ich die nächsten paar hundert Meilen direkt noch mal nachdenken ;-) 

2 Gedanken zu „Virginia ist bisher überhaupt

  1. CatchUp

    hi snowball
    find es sehr amüsant wie Du schreibst. :) Solltest Schriftstellerin werden! Nur kann ich leider Deine Foto’s auf meinem Smartphone nicht sehen. :(
    Hab gestern Harpers Ferry passiert und frag mich auch langsam, ob ich das gehike noch fast 3 Monate durchziehen will. Gibt bei diesem schwül-heißem Wetter wahrlich bessere Zeitvertreibe…
    lg CatchUp

    1. Tina Beitragsautor

      Danke für das Kompliment :-)

      Tja, wann hat man schon mal so lange frei…? Aber wenn Du einfach schneller läufst (nach Harpers Ferry wird es einfacher ;-)), dann hast Du am Ende noch ganz viel Zeit für Dinge, die Spaß machen…

      Nee ernsthaft, ich finde den Gedanken, das Abenteuer zu splitten, inzwischen ganz attraktiv. Der Trail wird nicht weglaufen… und vermutlich ist es in ein paar Jahren aufgrund vieler neuer Switchbacks auch einfacher ;-)

      Viel Spaß beim Entscheiden
      Snowball

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