Nach der morgendlichen Yoga-Session

…zog es mich wieder in die Einsamkeit des Waldes. Ich wollte weiter nach Pearisburg, dort hatte ich mein Paket in eines der Motels geschickt. Den ganzen Tag lang begegnete mir niemand, nur hier und da mal ein Reh, allerdings kein besonders schüchternes.

Durch den späten Start und weil ich nicht hetzen wollte – ich weiß ja inzwischen, dass mich das nicht nach vorne bringt – marschierte ich erst gegen Abend in den Ort ein. Vom Berg aus hatte ich schon ein Industriegeläde – riesengroß, irgendwas mit Gas und recht neu oder zumindest erweitert – ausgemacht, das entsprach so gar nicht den Vorstellungen, die ich mir gemacht hatte. So kam es, dass es nur noch Platz in einem zum Hostel umfunktionierten Restaurant gab, weil alle Zimmer an Arbeiter vermietet waren. Ein großer Raum, 17 Betten, riesen Flatscreen, TV-Programm auf voller Lautstärke… Und hier sollte ich meinen Zeroday verbringen? Ähm… nö danke! Nicht wirklich!

Obwohl Pearisburg schon nicht sehr Hiker-freundlich wirkte und ich auch die 0.8 Meilen in den Ort zufuß zurück legte, fand sich leicht ein Shuttle. Todd hatte es sich zum Hobby gemacht, gestrandete Hiker am Motel aufzupicken und entweder in das fußläufig ungünstig gelegene Hostel oder ins Mc Arthur Inn im 4 Meilen entfernten Nachbarort Narrows zu kutschieren. Mein Glück, nachdem ich mein schlaues grünes Buch befragt hatte, entschied ich mich für Narrows. Und hier ist es so viel schöner als in Pearisburg, perfekt für einen Zero. :-)

Allen (so der Name des Hotelbesitzers) gehört hier neben einem der Berge scheinbar der halbe Ort, und er hat große Pläne. Einen Outfitter, einen Fahrradverleih, und ein Hiker-Café will er eröffnen, außerdem Wassersport auf dem New River und Wolf Creek anbieten. Narrows wäre perfekt dafür, da sich hier zwei große Trails treffen, nur besser bewerben müsste er es dann. Da Allen eine große Baufirma besitzt, sollte es an der Umsetzung nicht scheitern, auch zwei alte Gebäude dem Hotel gegenüber hat er schon begonnen zu entkernen. Die Kanu- und Rafting-Geschichte könnte sein Sohn übernehmen und für die anderen Jobs hat er auch schon Leute im Auge. Für mich hat er neben der Leitung des Outfitter-Stores auch schon diverse Jobs in Petto. Obwohl er nicht viel von Architekten hält, hat er mich umgehend adoptiert und ist mit mir Bier und Zigaretten holen gefahren, um anschließend auf der Porch noch ein Pläuschchen zu halten. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der einen Berg besitzt…

Nach einem hervorragenden Frühstück heute morgen – French Toast (sooo lecker!) mit Bacon und English Tea (sorry, ich war zu verfressen für ein Foto) – hat Allen mich dann noch mit auf seine Pferdekoppel genommen. Man könnte meinen, ihm wäre langweilig. Und wow, können Pferde riesig sein! Ich bin beeindruckt! …und zum Glück hat er sie im Griff, sonst hätten die mich vor lauter Neugier platt gemacht – einfach so und ganz nebenbei ohne böse Absicht – nur mal schnuppern.

Nach einem späten und eher durchschnittlichen Lunch in Annas Restaurant fuhr Allen mich und Lucky Man – den einzigen Hiker außer mir hier im Hotel – zum Einkaufen zu Walmart in Pearisburg. Und irgendwie packte Lucky Man plötzlich der Kaufrausch. Verabredet waren 30-40 Minuten. Danach, so hatten wir uns überlegt könnte man die Umgebung nach einer netten Lokalität für’s Dinner abklopfen. Als er endlich raus kam, war er ganz hektisch, es täte ihm furchtbar leid, er wäre noch nicht fertig mit shoppen – und danach brauchte er noch mindestens eine halbe Stunde. Letztendlich schleppte er mehr als doppelt soviel Zeug wie ich aus dem Laden. Zur Entschädigung lud er mich zum Mexikaner ein… und musste sich natürlich einen Haufen Sprüche anhören. Als ich den riesigen Beutel mit Wattebäuschen in einer seiner Tüten entdeckte, war sowieso alles vorbei. Wir kugelten fast unter den Tisch vor lauter Lachen. Bei jedem weiteren Artikel, den er aus einer seiner vielen Tüten zog fragte er mich vorher, ob ich gleich wieder anfangen würde zu weinen. Zu schade, dass er den Trail in die falsche Richtung wandert, das wäre in nächster Zeit saumäßig komisch geworden, zumal er im Schnitt dieselben Meilen läuft und in meinem Alter ist! Dann wäre ich nicht mehr die einzige Schnecke… wobei, bei dem Gewicht, dass er heute käuflich erworben hat, wäre ich vielleicht sogar schneller ;-) …ganz bestimmt sogar!

Morgen versuche ich mich mal wieder im Slackpacking. Die Strecke soll relativ einfach sein: Berg rauf, moderat immer geradeaus, Berg runter, fertig. Ich bin gespannt.

4 Gedanken zu „Nach der morgendlichen Yoga-Session

  1. Tanja AKA Mary Poppins

    Hallo Tina aka Snowball,

    Wahrscheinlich liest du es nicht mehr rechtzeitig, aber ich glaube, der Tag wird alles andere als einfach.
    Der Aufstieg hinter Pearisburg ist saumäßig anstrengend, man wünscht sich sehnlichst mehr Serpentinen und weniger Felsen. Ist dein nächster Stop The Captains Place? Sehr cool dort, vor allem die zip-line über den Fluss.
    Ich hoffe, du kommst trocken dort an und lass dir die free sodas schmecken.
    Happy Trails,
    Tanja aka Mary Poppins

    1. Tina Beitragsautor

      Hi Tanja,

      so schlimm war es nicht, der Trail wurde jüngst geändert… dafür waren es ein paar Meilen mehr…;-)
      Nächster Stop ist wahrscheinlich eher irgendwo um Meile 660, mal sehen.

      Liebe Grüße
      Snowball

  2. BruderHerz

    Hallo Schwesterherz!

    Immer wieder schön, hier so ausführlich von Dir zu lesen :-))

    Und Du willst wirklich weiterwandern und nicht in Allen’s Firma arbeiten? Also ich würde vielleicht mal zum Rafting vorbeischauen… ;-)

    Ich wünsche Dir eine fußschonende Weiterwanderung…

    Lieber Gruß
    Dein BruderHerz

    PS: Schade, dass die French Toast’s immer so kamerascheu sind…

    1. Tina Beitragsautor

      Was den Job in Allen’s Vorhaben angeht halte ich es wie Siesta: super Idee, aber arbeiten muss jemand anders, ich bin lazy ;-)

      Die French Toast sehen einfach viel unspektakulärer aus als sie schmecken… Ich werde mir gleich mal wieder ein paar davon genehmigen ;-)

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