Ich habe den Entschluss gefasst

…dir den Rat zu geben, du solltest dir neue Schuhe kaufen – sagte Skybird vor drei Tagen zu mir. ‘Deine Füße sollten nicht so sehr wehtun, nach 700 Meilen müssen sie sich an den Trail gewöhnt haben.’ Komisch, ich ging die ganze Zeit davon aus, es läge an ‘mir’, ich bin eben sensibel usw., nicht belastbar, langsam und was nicht alles. Hab ich gedacht. Aber nach Engelsgeduld und wochenlangem Schongang gelange auch ich zu der Erkenntnis, dass es womöglich doch der Schuh ist, der nicht mehr passt. Wie einfach die Lösung doch manchmal ist. Offenbar zu einfach für mich. Tatsächlich hat sich mein Körper verändert, auch wenn meines Erachtens keine Veränderung sichtbar ist. Aber bei jedem Fehltritt spüre ich plötzlich, wie auf mysteriöse Weise meine Muskeln das klapprige Gerippe in Balance halten, wo vorher die Gummigelenke einfach nachgegeben hätten. Und in den letzten Tagen gab es wirklich hinreichend Möglichkeiten, lang hinzuschlagen oder einfach mit verdrehten Knochen den Abhang runter zu rutschen. Nö, all das ist nicht passiert :-) Success!!!

Aber neben all dem fingen die Füße von Tag zu Tag mehr an zu schmerzen. Nach meinem 22-Meilen-Tag ohne Rucksack brauchte ich einen weiteren Zeroday und danach konnte ich mich nur schwer darauf einstellen, mich wieder für mehrere Tage in den Wald zu schlagen. Kein Wunder, wenn man weiß, dass der Preis schmerzende Füße sind. Zum Glück hatte Tanja mich ja vorgewarnt und mir erzählt, dass der Dragons Tooth nicht einfach werden würde und entsprechend kurz hatte ich die Tagesetappen geplant, was andererseits natürlich bedeutete, mehr Essen mitzuschleppen. So war ich aber vorbereitet und konnte den Tag richtig genießen. Endlich mal eine willkommene Abwechslung und bei phantastischem Wetter und in Begleitung von Skybird und Birdie war es eine großartige Tour. Zusammen sind wir die Felsen rauf und runter gekraxelt und haben lustige Fotos in des Drachens Zahnlücke geschossen. Während die beiden allerdings danach noch ein paar Meilen reißen wollten, entschied ich mich für eine Dusche und ein Dach über dem Kopf – in diesem Fall eine Garage – im Four Pines Hostel. Der Empfang ist schon amüsant: Im Vorgarten leben ein paar Alpakas, die aufgrund ihrer Sommerfrisur ein bisschen so aussehen wie zu groß geratene Pudel. Außerdem gibt es wie überall den obligatorischen Hund, zwei oder drei Katzen und viele Hühner und Enten. Es ist nicht ganz so ländlich wie das Woods Hole Hostel, aber auch hier habe ich weder Wifi noch Telefonempfang. Dafür gibt es den Dragon Wagon, ein Gefährt was man sich einfach nehmen kann, wenn man kurze Stecken – zum Beispiel zum Supermarkt – zurück legen und nicht laufen will. Der Plan war nun eigentlich, nur eine Nacht hier zu verbringen und dann nach den üblichen Tätigkeiten innerhalb von zwei Tagen nach Daleville zu wandern. Aber eine weitere Sache, die ich hier gerade lerne ist, dass Pläne in erster Linie dazu da sind, den Kopf zu beschäftigen und in zweiter Linie um sie zu ändern.

Einer dieser Pläne war, mir in Daleville neue Schuhe zu kaufen. Und wie es der Zufall so wollte, hatte ich noch am selben Tag die Chance, mit dem Hostel-Vater Joe, seiner Freundin Donna und deren Enkeltöchtern in die Stadt fahren zu können, so dass ich nicht noch zwei Tage warten musste. Ergebnis der anderthalbstündigen Exkursion waren allerdings nur neue Einlegesohlen, da es keine passenden Schuhe für mich gab. Immerhin, so dachte ich mir und bin also gestern frohen Mutes und nicht ganz früh wieder losgedackelt, den Wald zu erobern. Von Daleville aus wollte ich dann am Samstag einen Shuttle nach Roanoke nehmen, um zwei weitere Outfitter abzuchecken. Aber die neuen Einlagen machten alles nur noch schlimmer und nach zwei Meilen wusste ich, ich würde bei nächster Gelegenheit versuchen, nach Daleville oder zurück zum Hostel zu kommen. Immerhin habe ich sechs Meilen geschafft UND die 700 geknackt!!! Nachdem mich keiner mit nach Daleville nehmen wollte habe ich Joe angerufen um mich wieder aufzupicken und zum Hostel zurück zu bringen. Heute ist hier großer Feiertag und Joe macht Party und Feuerwerk! Das hätte ich durchaus schlimmer treffen können ;-) Ich werde ein paar Zeros nehmen, morgen nach Daleville umziehen, meinen Füßen eine Pause gönnen, Sonntag ein wenig feiern, das Nichtstun genießen und dann hoffentlich passende Schuhe finden. So weit der Plan… So richtig viel verpasst habe ich aber bisher auch nicht, denn auf den 10 Meilen vor Daleville brennt der Wald. Die letzten Tage war es so heiß und drückend, dass ich teilweise das Gefühl hatte, durch die Wüste zu laufen (hätte ich auch den PCT machen können!). Kein Wunder also. Einige Hiker nutzten die Chance zur Beschleunigung, denn es gab eine stark verkürzte Umleitung über einen anderen Trail und danach waren Joe und einige Freiwillige unermüdlich damit beschäftigt, die Hiker in die Stadt zu shuttlen. Mir kommt das wie Bescheißen vor, aber was sind schon 10 Meilen im Vergleich zur Gesamtstrecke…?  Naja… für mich ein ganzer Tag ;-) Aber DAS wird sich hoffentlich schon bald ändern! Und wenn nicht… was soll’s! Langweilig wird es mir wie immer nicht.

Während Donna und ich gestern Abend vor der Garage saßen, Bohnen brachen und Erbsen pulten, philosophierten wir über Hikeraromen, duschen und Wäsche waschen. Vor kurzem war ihr auf der Porch ein Korb mit dreckiger Wäsche runter gefallen und die ganzen Klamotten verteilten sich vor dem Haus. Donna meinte, es hätte eine ganze Woche lang noch danach gestunken! :-D Sie prophezeite mir, wenn ich erstmal wieder zu Hause wäre, würde ich meine Hiker-Garderobe entsorgen wollen, denn den ‘Smell’ bekäme ich auch nach 10 Wäschen nicht wieder raus. Dabei ist es gar nicht mal so, dass man die ganze Zeit mit Stinkern zu tun hat. Es gibt nur wenige, die riechen wie Penner: die Penner und die, die ihre Wäsche nicht waschen. Da hilft auch duschen nicht. Natürlich rieche ich mich selbst… Wer bei dem Wetter den ganzen Tag Sport treibt und weiß, dass er vier Tage nicht duschen kann, muss sich selbst schon riechen können! Interessanterweise empfinde ich – außer mir selbst – die Hiker IM WALD nicht als miefig. Vielleicht liegt es an der frischen Luft oder die Wahrnehmung verändert sich, wer weiß. Jedenfalls ist es so, dass die frisch geduschten, parfümierten Tages- oder Wochenendhiker eine derartige Wolke von Frische und Duftigkeit verbreiten, dass es einen fast erschlägt. Jede einzelne Komponente kann ich erschnüffeln – Waschmittel, Shampoo, Aftershave, einfach alles. Noch eine halbe Meile später hängt der Duft in der Luft. Besonders wenn kein Wind geht. Bei meiner immerwährenden Sehnsucht nach einer Dusche könnte ich stundenlang selbstvergessen hinter diesen sauber riechenden Menschen herlaufen… aber meist wäre es die falsche Richtung ;-) …und vermutlich würden sie mich innerhalb kürzester Zeit abgehängt haben.

6 thoughts on “Ich habe den Entschluss gefasst

  1. T B L N M

    Hallo,
    Unsere geburtstagsmail hast du wohl noch nicht bekommen.
    Nun sind wir beim 5. Geburtstag.
    Aber wie sagt Nely : B Tina nicht da!
    Wir schwitzen hier auch mal endlich und das Leben Tümpelt so vor sich hin. Also genieß die Zeit und mach alles was Spaß bringt….

    1. Tina Beitragsautor

      Natürlich habe ich Eure Mail bekommen – und sogar geantwortet! ;-)

      Vielen Dank und ganz herzliche Geburtstagsgrüße (nachträglich) an Neli!!! Hoffe Ihr hattet eine tolle Party und Sonnenschein! :-)

  2. Andrea

    Hallo meine Liebe,

    alles Liebe und gute nachträglich zu Deinem Geb. Ich hoffe, es geht Dir gut und du hast einwenig gefeiert. Hast Du Dir neue Schuhe zum Geb gegönnt?

    Auch wenn es nicht so aussieht, aber ich verfolge Deinen Blog sehr konsequent und freue mich immer auf neue Beiträge. Ich bin nun auch endlich in der Moderne angekommen und besitze nun auch seit ca. 3 Monaten ein Smartie und Du bist daher immer mobil dabei, z. B. in der Mittagspause. Aber das “Eintippeln” von Nachrichten finde ich bei diesen kleinen Tasten doch sehr mühsam. Also habe ich nun festgestellt, das der schnöde PC doch wichtig ist und nun gibt es auch mal wieder ein Lebenszeichen aus Nettelsee.

    Ich denk an Dich und Drück Dich von Herzen
    VDGD
    Andrea

    1. Tina Beitragsautor

      Vielen lieben Dank! Schön von Dir zu hören!
      Ja es gab direkt neue Schuhe zum Geburtstag :-) Das Männermodell, weil es weicher ist, als der Frauenschuh…

      An das ‘tippeln’ gewöhnt man sich ziemlich schnell, ich schreibe inzwischen fast alles auf dem Smartphone. Hätte ich nicht von mir gedacht ;-)

      Ich drück Dich! :-*

  3. Schnuff

    Wenn die Neandertaler sich hätten riechen können, wären sie vermutlich alle ausgestorben-
    aber halt!
    Die SIND ja alle ausgestorben ; )
    Von daher ist die Idee, die Klamotten am Ende zu entsorgen, wohl gar nicht so übel.
    Und vielleicht auch vor dem Flug nach Hause, am Ende lassen die Dein Gepäck hier gar nicht erst rein..
    Vielleicht ist ja der Geruch (in Verbindung mit der enormen Gesichtsbehaarung der männlichen Hiker, wie man auf den Bildern ja sehen kann..) auch der Grund, weswegen keine Hiker von Bären gefressen werden: die halten Euch für Jungtiere!
    Haha..
    Aber mal im Ernst: Ist es nicht gefährlich, dort zu laufen und möglicher Weise draußen zu schlafen, wenn es in der näheren Umgebung Waldbräne gibt?
    Pass gut auf Dich auf!
    Alles liebe von Schnuff

    1. Tina Beitragsautor

      Der Neandertaler ist doch nicht ausgestorben… besonders Du müsstest das doch beinahe täglich miterleben! Aber was die Klamotten angeht, hast Du vermutlich Recht ;-)

      Kein Wald würde es hier übrigens wagen zu brennen, ohne dass der Forest Service nicht schon alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutze des Hikers getätigt hätte… ;-)

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